In Schottland ist die Lage anders. Was, wenn Schottlands Erste Ministerin Nicola Sturgeon ihre Karten geschickt ausspielt?

Schottland ist sehr interessant. Mit Ausnahme vom Großraum London wächst Schottland schneller als der Rest des Vereinigten Königreichs. Es ist ein Erfolgsbeispiel, Schottland hat ein gewisses Kapital und ein funktionierendes Schulsystem. Die Schotten würden unter einem harten Brexit leiden, das täten sie aber auch, wenn sie nach der Unabhängigkeit wieder Zölle zwischen Schottland und England einführen müssten. Es würde dann einige Zeit brauchen, um wieder EU-Mitglied zu werden. Allerdings kann ich mir bei allen Problemen, die der Brexit mit sich bringt, schon vorstellen, dass die Schotten diese schwierige Phase auf sich nehmen würden, um später wieder eine Zukunft in der EU zu haben. Immerhin haben sie mit einer Mehrheit von 60 Prozent gegen den Brexit gestimmt. Mittlerweile wollen 70 Prozent der Schotten in der EU bleiben. Wirtschaftlich kann ich die Unabhängigkeit nicht empfehlen, aber ich verstehe, wenn sie diesen Weg gehen wollen.

Viele Ihrer Prognosen haben bisher gestimmt. Sie waren einer der wenigen, die den Ausgang des Referendums vom Sommer 2016 vorhergesagt hat. Für wie wahrscheinlich halten Sie einen No-Deal-Brexit?

Der wird immer wahrscheinlicher, ich schätze das mittlerweile auf mehr als 50 Prozent. Ich hatte Hoffnung, dass die Abgeordneten in Westminster doch noch zu einer Lösung finden, aber jetzt bleibt kaum Zeit. In den kommenden zwei Wochen können weitere Fehler passieren, zudem könnte Brüssel endgültig die Geduld mit London verlieren. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit eines No-Deal-Brexit. Dublin will das natürlich nicht, wir würden den Briten am liebsten für immer Zeit lassen für ihre internen Streitereien. Aber andere Regierungen haben die Schnauze voll. Zum Problem werden auch die bevorstehenden EU-Wahlen - ich sehe schon, wie Nigel Farage im EU-Parlament mit neuen Alliierten Freudensprünge macht. Die Iren würden diesen Preis bezahlen, um einen No-Deal Brexit zu verhindern. Bei den anderen Mitgliedstaaten bin ich mir da nicht so sicher.

Wissen

Das Vereinigte Königreich ist einem ungeregelten Brexit am 12. April noch einen Schritt näher gerückt. Am Montagabend konnte sich das Unterhaus erneut auf keine Alternative zum Austrittsabkommen von Theresa May einigen. Möglicherweise legt die Premierministerin den Abgeordneten ihren Brexit-Deal am Donnerstag ein viertel Mal vor. Geplant war zudem, dass das Unterhaus am Mittwoch erneut über die Alternativen dazu abstimmt. Zudem will eine überparteiliche Gruppe von Parlamentariern einen EU-Austritt ohne Abkommen per Gesetz verhindern - und May dazu zwingen, in Brüssel um eine Verschiebung anzusuchen. Ob Brüssel dem zustimmen würde, ist allerdings fraglich. Immerhin müssten die Briten dann an den EU-Wahlen Ende Mai teilnehmen.