Angst vor dem "Marxisten"

Durch ihr Kompromissangebot hat May die Revolte innerhalb ihrer Partei befeuert. Corbyn sei ein "bekannter Marxist", sagte derBrexit-Hardliner Jacob-Rees Mogg. Doch May hat nicht nur den äußerst rechten Rand ihrer Partei gegen sich aufgebracht. Mehr als 170 konservative Abgeordnete forderten vor kurzem einen Brexit am 12. April - ob mit oder ohne Deal. Mit ihrem neuen Kurs riskiert May weitere Rücktritte in ihrem eigenen Kabinett. Zwei Regierungsmitglieder haben bereits das Handtuch geworfen - Brexit-Staatsekretär Chris Heaton-Harris und Wales-Staatssekretär Nigel Adams. Weitere könnten folgen - immerhin sind rund die Hälfte von Mays Ministern dem Brexit-Lager der Tories zuzuordnen.

Doch auch die Sozialdemokraten warnen. Corbyn solle nicht in eine Falle tappen, hieß es aus der Partei. May könnte versuchen, die Opposition in den Schlamassel hineinzuziehen und Corbyn, wenn es doch zu einem No-Deal-Brexit kommt, die Schuld in die Schuhe schieben. Innerhalb seiner eigenen Partei steht der Labour-Chef zudem unter Druck, sich für ein zweites Referendum einzusetzen. "Es ist klar, dass jeder Deal, auf den sich das Parlament einigt, die Zustimmung des Volkes braucht", sagte der einflussreiche Labour-Abgeordnete Keir Starmer.

Im Unterhaus ist der Verbleib in der Zollunion der EU die beliebteste Brexit-Variante - auf eine Mehrheit fehlten zuletzt nur drei Stimmen. Eine Einigung zwischen May und Corbyn dürfte von einer "stabilen Mehrheit" im Parlament getragen werden, sagte Brexit-Minister Stephen Barclay.

Fraglich ist nun, wie lange May den EU-Austritt verschieben will. Bis zum 22. Mai muss der Brexit vollzogen sein, damit das Vereinigte Königreich nicht an den EU-Wahlen teilnehmen muss. Eigentlich hatte May angekündigt, die Verlängerung "so kurz wie möglich" zu halten. Doch am Mittwoch wollte sie eine Teilnahme an den EU-Wahlen plötzlich nicht mehr ausschließen.

"Sind noch nicht so weit"

Bei den verbleibenden 27 Mitgliedstaaten stieß der Wunsch Mays, noch einmal zu verlängern, nicht auf Begeisterung. Bundeskanzler Sebastian Kurz sieht dafür keinen Grund, Deutschlands Außenminister Heiko Maas äußerte sich ebenfalls zurückhaltend. "Letztlich müssen wir abwarten, was die Meinungsbildung in London bringt", sagte der SPD-Politiker am Mittwoch.

In Berlin sagte Regierungssprecher Steffen Seibert, für eine weitere Verschiebung des Austrittsdatums müsse ein konkreter Antrag vorliegen. "So weit sind wir noch nicht." Bald ist die Wartezeit vorbei. Bis zum EU-Sondergipfel am 10. April muss London einen Vorschlag liefern.