Wien. Berichte von ehemaligen Arbeitern und Ingenieuren am Bauprojekt des slowakischen Atomkraftwerks Mochovce haben am Mittwoch für Aufregung gesorgt. Die neuen Reaktorblöcke 3 und 4 des rund 100 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernten AKW sollen in den kommenden Monaten in Betrieb gehen. Mehrere ehemalige Arbeiter und Ingenieure wandten sich an die Umweltschutzorganisation Global 2000 und warnten vor gravierenden Mängeln am Bauprojekt. Foto-Dokumente und Zeugenaussagen würden belegen, dass die Sicherheitshülle des Reaktors durch Bohrungen beschädigt wurde und im Falle eines Erdbebens oder von Explosionen im Zuge eines schweren Unfalls versagen könnte, so die NGO.

Tausende Löcher seien in die Wände des Reaktorgebäudes und der hermetischen Kammern gebohrt worden, um Halterungen für Kabel, Rohre und Dampferzeuger zu befestigen. Diese Bohrungen seien "einfach im Blindflug" erfolgt, sagte Reinhard Uhrig, Atom-Sprecher von Global 2000. Die Umweltorganisation fordert deshalb einen Stopp des AKW-Bauprojekts.

Umweltministerin Elisabeth Köstinger von der ÖVP sprach von "sehr besorgniserregenden Berichten" und forderte vollständige Aufklärung durch die slowakischen Behörden. Alle Sicherheitsbedenken müssten ausgeräumt werden, andernfalls wäre eine Inbetriebnahme "inakzeptabel". Der FPÖ-Spitzenkandidat für die EU-Wahl Harald Vilimsky will, dass die Inbetriebnahme der Reaktorblöcke 3 und 4 verhindert wird. Er verlangte zudem von der EU, sich stärker einzubringen, um entsprechenden Druck auf die Slowakei auszuüben.

Köstinger will Aufklärung, Opposition fordert Baustopp

Von der Opposition kam die Forderung nach einem sofortigen Baustopp, aber auch Kritik an der Umweltministerin. SPÖ-EU-Spitzenkandidat Andreas Schieder warf Köstinger vor, "beim Bau des AKW Mochovce tatenlos zugesehen" zu haben. Schieder forderte die Ministerin auf, bei der EU-Kommission "einen sofortigen Baustopp und das Verbot der Inbetriebnahme" zu erwirken, um "uns und unsere Kinder vor einer europäischen Katastrophe zu bewahren". Der "brandgefährliche nukleare Schrotthaufen" dürfe niemals ans Netz gehen.

Der grüne EU-Spitzenkandidat Werner Kogler warf der amtierenden Regierung von Bundeskanzler Sebastian Kurz und der rot-schwarzen Vorgängerregierung Versagen vor. "Kanzler Kurz soll endlich Initiative ergreifen und sich Verbündete suchen, um die slowakische Regierung dazu zu bringen, den weiteren Ausbau von Mochovce zu stoppen und eine unabhängige externe Untersuchung des AKW zuzulassen. Das ist eine europäische Angelegenheit, daher sollte man in Absprache mit gleichgesinnten EU-Ländern und der EU-Kommission auftreten", erklärte Kogler.

Die Liste Jetzt (vormals Liste Pilz) sprach von einer "tickenden Zeitbombe" und verlangte einen koordinierten europaweiten Atom-Ausstieg. "Bei einem GAU würden die Bundeshauptstadt, Niederösterreich, das Burgenland und Teile Oberösterreichs schwer verstrahlt, ja vielleicht sogar unbewohnbar", warnte Jetzt-Gesundheitssprecherin Daniela Holzinger. Entweder müsse ein sofortiger Baustopp erfolgen oder ein Verbot, den "Schrottreaktor" in Betrieb zu nehmen.