Istanbul/Ankara/Moskau. Der Ausgang der Kommunalwahl in der Türkei sorgt auch eine Woche nach dem Urnengang für Turbulenzen. Vor allem die Resultate in Istanbul und Ankara missfielen der nationalkonservativen Regierungspartei AKP, die dort Verluste hinnehmen musste. Die Fraktion hat bereits bei der obersten Wahlkommission (YSK) eine Neuauszählung aller Stimmen in 38 Wahlbezirken Istanbuls beantragt. In einem Bezirk verlangte sie die Annullierung des Ergebnisses.

Die Stadt war ein Vierteljahrhundert von der AKP regiert worden. Beim Votum Ende März fiel das Rennen zwischen den Bewerbern der AKP und der linksnationalen Partei CHP denkbar knapp aus - mit einem Vorsprung für den Oppositionskandidaten.

Für Präsident Recep Tayyip Erdogan war das Grund genug, von Regelwidrigkeiten und "Diebstahl an den Urnen" zu sprechen. In einer Metropole mit mehr als zehn Millionen Wählern, "hat wohl keiner das Recht und die Befugnis, sich mit einem Unterschied von 13.000 oder 14.000 Stimmen als Sieger aufzuspielen", befand der Staatschef, der seine politische Karriere als Bürgermeister Istanbuls gestartet hatte.

"Die Bürger fordern uns auf, ihre Rechte zu schützen", sagte Erdogan auf einer Pressekonferenz am Montag. "Sie beklagen sich über organisiertes Verbrechen." Und er kündigte an: "Erst wenn die Berufungen abgeschlossen sind, werden wir das Ergebnis akzeptieren."

Anträge auf eine Neuauszählung hatte die AKP auch in Ankara gestellt, nachdem sich dort - ebenfalls nach 25 Jahren - ein Machtwechsel abgezeichnet hat. Doch die YSK wies die Einsprüche zurück. So trat Mansur Yavas von der CHP am Montag seinen Posten als Bürgermeister der Hauptstadt an.

Wirtschaftsreformen nötig

Der Streit um die Wahlresultate - und Spekulationen um eine Wiederholung des Votums in Istanbul - versetzte Anleger in Unruhe. Sie zogen sich erneut aus der Währung des Landes zurück. Im Gegenzug verteuerte sich der Dollar um bis zu 1,5 Prozent auf 5,7107 Lira; der Euro gewann 1,6 Prozent auf 6,4172 Lira. Türkische Anleihen flogen ebenfalls aus den Depots. Dies trieb die Rendite der zehnjährigen Titel auf 17,050 von 16,640 Prozent. Der Aktienindex der Istanbuler Börse rutschte um zwei Prozent ab.

Dabei würde die Türkei dringend Reformen benötigen, die sie aus der Wirtschaftskrise heben. Das Land steckt in der Rezession. Die Lira hat massiv an Wert verloren, die Zahl der Arbeitslosen stieg innerhalb eines Jahres um rund eine Million und die Inflation um rund 20 Prozent. Lebensmittel wurden besonders teuer.

Hinzu kommen außenpolitische Zwistigkeiten - etwa mit den USA über die Israel-Politik oder die Anschaffung von Waffen. Sollte Washington wirtschaftliche Sanktionen verhängen, könnte das ausländische Investoren verschrecken und den Tourismus in der Türkei treffen.

Treffen mit Putin

Trotz der Kritik aus den USA hält Nato-Mitglied Türkei aber an den Plänen fest, russische Flugabwehrsysteme vom Typ S-400 zu kaufen. Ankara verteidigte dies mit dem Argument, dass die Russen ein besseres Angebot gemacht hätten als die USA für ihre Patriot-Anlagen. Im Juli sollen die Lieferungen beginnen.

Das Projekt stand auf der Gesprächsagenda einer Zusammenkunft Erdogans mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin in Moskau am Montag. Weitere Themen waren die Lage im Syrienkrieg und der Bau der Pipeline Turkish Stream, durch die erstmals Ende des Jahres Gas fließen soll.