London. Der britische Historiker Ian Kershaw hält eine erneute Volksabstimmung der Briten über ihre Mitgliedschaft in der Europäischen Union für den einzigen Weg, um eine Lösung im Brexit-Streit zu legitimieren. Voraussetzung sei, dass man überhaupt eine Lösung finde, sagte Kershaw am Dienstag dem Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, radioWelt am Morgen). Das brauche Zeit.

Verständnis zeigte der Wissenschafter für die Brexit-Debatte im britischen Parlament. Es sei Sinn der Demokratie, dass das Parlament die exekutive Gewalt der Regierung in Schach halte. Das Parlament tue das und handle nicht verrückt. "Dass sie keinen Weg finden, ist keine Überraschung. Denn das Parlament vertritt das Volk, und das Volk ist gespalten wie nie zuvor, und das Parlament ist genauso gespalten", sagte er.

Kritik an Cameron

Das vom konservativen Premierminister David Cameron initiierte Brexit-Referendum vom Juni 2016 hält Kershaw für einen "totalen Fehler". "Das war natürlich blödsinnig, so eine komplizierte Frage zu stellen. Ja oder Nein, drinnen oder draußen", sagte er.

Kershaw spekulierte, die EU könne in den nächsten 15 Jahren zu einem lockereren Gefüge werde, dem die Briten auch wieder beitreten könnten. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschafter forscht vor allem über das Dritte Reich und die europäische Nachkriegsgeschichte. (apa, dpa)