Für die verbleibenden Länder wirft die Teilnahme der Briten an der EU-Wahl ebenso unangenehme Fragen auf: Wie sehr werden sich die Machtverhältnisse im Abgeordnetenhaus verschieben? Und: Wird Großbritannien den Gesetzgebungsprozess torpedieren? Immerhin stehen nach der Wahl die Besetzung von Spitzenposten in EU-Kommission und -Rat sowie Verhandlungen über das mehrjährige EU-Budget an. Wie sich die EU vor möglicher Obstruktionspolitik schützen will, hat sie ebenfalls in einer Textpassage festgehalten.

Die ist aber recht vage:

London sagt zu, "getreu der Verpflichtung zur loyalen Zusammenarbeit konstruktiv und verantwortungsvoll zu handeln".

Damit soll das Königreich verpflichtet werden, sich im gesamten Verlängerungszeitraum auf eine Art zu verhalten, die "seine Situation als austretender Mitgliedstaat widerspiegelt". Es soll also unterstützen und nicht blockieren, etwa bei den Finanzverhandlungen. Laut Text soll es "alle Maßnahmen unterlassen, die die Verwirklichung der Ziele der Union gefährden könnten". Das ist die Befürchtung, die Macron geäußert hat: dass London beispielsweise von Paris geforderte Reformen aufhalten könnte oder bei der Besetzung der nächsten EU-Kommission mitentscheidet. Das ließe sich zwar wohl verhindern. Aber dass Großbritannien, das derzeit fast jeden zehnten EU-Abgeordneten stellt, im EU-Parlament nichts mehr zu sagen hat, ist wenig wahrscheinlich. Denn in einem weiteren Punkt heißt es:

Großbritannien bleibt im Verlängerungszeitraum "ein Mitgliedstaat mit allen Rechten und Pflichten".

Damit sind die Garantien, die sich Frankreich gewünscht hatte, um Großbritannien auf Distanz zu halten, nicht gegeben. Eine stärkere Einschränkung wäre allerdings rechtlich kaum haltbar. Mitglieder zweiter Klasse soll es nämlich in der Europäischen Union nicht geben. Exklusiv darf es trotzdem manchmal zugehen:

Die 27 EU-Staaten werden "auf allen Ebenen weiterhin gesondert zusammenkommen", um Post-Brexit-Fragen zu erörtern.

Die Kontinentaleuropäer behalten sich vor, über die Situation nach dem Brexit zu beraten. Das Königreich muss daran nicht beteiligt werden. Und selbst darf es auch nicht die Verlängerungsfrist dazu nutzen, Verhandlungen darüber zu führen, wie die künftigen Beziehungen zur EU gestaltet werden sollen. Die beiden Partner stellen sich ein umfangreiches Handelsabkommen vor, das das Verhältnis regeln soll. Der Vertrag sollte allerdings erst in einer Übergangszeit nach dem Brexit fixiert werden. Ursprünglich war dafür eine Frist von knapp zwei Jahren vorgesehen.

Etwas anderes ist aber fix:

Die Staats- und Regierungschefs bekräftigen, "dass nicht erneut über das Austrittsabkommen verhandelt werden kann".

Bei jeder EU-Erklärung kommt es wie das Amen im Gebet: Der Vertrag liegt auf dem Tisch und soll nicht geändert werden.