Es ist also tatsächlich kein Witz: Der neue Präsident der Ukraine heißt Wolodymyr Selenskyj. Der beliebte Komödiant fegte Amtsinhaber Petro Poroschenko bei den Wahlen am Ostersonntag regelrecht vom Thron: Über 73 Prozent soll der Mann aus Krivyj Rih ersten Exit Polls zufolge erhalten haben. Der erfahrene Poroschenko, ein altes Schlachtross der ukrainischen Politik, schnitt demgegenüber mit etwa 25 Prozent sehr bescheiden ab. Selbst im national orientierten Westen, der Hochburg Poroschenkos, soll Selenskyj die Mehrheit der Stimmen auf sich vereint haben.

Auch  Poroschenkos emotionaler Einsatz beim TV-Duell am Freitagabend im Kiewer Olympiastadion konnte dem amtierenden Präsidenten nicht mehr helfen: Die Ukrainer haben offensichtlich genug von ihrer gesamten politischen Klasse. Nach der Orangen Revolution und dem Euromaidan folgte nun die Revolution an der Wahlurne.

Mangelnde Erfahrung im Bereich Politik 

Mit Selenskyj wird nun ein dezidierter Nicht-Politiker ukrainischer Staatschef. Noch vor Verkündigung seiner Kandidatur hatte der Komiker seine mangelnde Erfahrung im Bereich Politik als Pluspunkt angeführt. Der Großteil der Ukrainer hat sich nun dieser Sichtweise angeschlossen – und das, obwohl mangelnde Politerfahrung in einem Land wie der Ukraine, das sich immer noch im Krieg befindet, an sich wahrlich keine Empfehlung ist. Bis heute ist Selenskyj vor allem eines:

Ein landesweit bekannter Sympathieträger, der in seinem Wahlkampf vieles im Ungefähren ließ, wenig Konkretes versprach, außer alles zum Guten zu führen, einem Zauberer gleich. Das ermöglichte es seinen Wählern, ihre jeweiligen Wünsche in den jugendlich-dynamisch wirkenden Kandidaten zu projizieren, der zumindest eines nicht ist: Ein Oligarch oder sonst irgendwie ein Mitglied der verhassten politischen Kaste, die sich in den 1990er Jahren auf Kosten der Mehrzahl der Ukrainer bereicherte.

 Hoffnungsluftballon

Dieser Hoffnungsluftballon Selenskyj, der bei diesen Wahlen in lichte Höhen stieg, könnte aber auch wieder rasch zerplatzen: Dann nämlich, wenn sich der Showmaster deklarieren muss, welche Politik er denn nun wirklich zu betreiben gedenkt. Dabei wird viel darauf ankommen, ob der Politneuling die Bescheidenheit aufbringt, sich von einem kompetenten Beraterstab anleiten zu lassen – oder ob er tatsächlich so agiert wie in seiner TV-Serie: Da hatte sein von ihm gespielter Fernseh-Präsident Wassili Goloborodko die Ukraine mit einer Truppe von unbedarften, aber ehrlichen Amateuren umgekrempelt – etwas, das so in der wirklichen Welt wohl nicht funktionieren wird. Immerhin hatte aber auch da noch sein Außenminister, der auf internationaler Bühne kaum ein Fettnäpfchen ausließ, die Größe, nach einigen Reibereien auf seine ziemlich nervige, aber professionelle Assistentin zu vertrauen.

Wenn Selenskyj ein gutes Team um sich versammelt, kann seine Präsidentschaft ein Erfolg werden – wenn er, wie so manch ein Quereinsteiger, eine erratische Politik mit der Brechstange betreibt, wird wohl die nächste Hoffnung der Ukraine scheitern.