Kiew. Mit der Wahl des Komikers und Schauspielers Wolodymyr Selenskij zum Präsidenten startet die Ukraine in eine ungewisse Zukunft. Der 41-Jährige, der keine Erfahrung in der Politik hat, bereitete dem bisherigen Staatsoberhaupt Petro Poroschenko eine bittere Niederlage.

73 Prozent der Wähler hätten für Selenskij gestimmt, weniger als 25 Prozent für Poroschenko, teilte die Wahlkommission am Montag nach Auszählung von rund 95 Prozent der Stimmen mit. Russland, das die Separatisten im Osten der Ukraine unterstützt und die Halbinsel Krim annektiert hat, erklärte, beide Länder hätten die Chance, ihre Beziehungen zu verbessern. Die Europäische Union beglückwünschte die Ukrainer zur demokratischen Wahl, mahnte aber auch Reformen an.

Der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew erklärte, jetzt könnten die zerstörten Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und der Ukraine verbessert werden. Er wolle aber keine Illusionen befördern, dass dies unbedingt so kommen müsse. Nötig seien dafür Ehrlichkeit, Pragmatismus und eine vernünftige Annäherung, erklärte Medwedew, der erst vergangene Woche ein Dekret zur Begrenzung des Exports von Kohle, Erdöl und Ölprodukten aus Russland in die Ukraine unterzeichnet hatte.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Ratspräsident Donald Tusk gratulierten in einem gemeinsamen Schreiben Selenskij zu Wahl. Sie riefen ihn zugleich auf, Reformen unter anderem in der Justiz und im Energiesektor voranzutreiben und die Korruption zu bekämpfen. Er könne sich dabei auf die Unterstützung der EU verlassen, schrieben sie. Das gelte auch für die Souveränität, Unabhängigkeit und territoriale Integrität der Ukraine.

Bundeskanzlerin Angela Merkel lud Selenskij zu einem Besuch in Berlin ein. "Die Stabilisierung der Ukraine sowie eine friedliche Konfliktlösung liegen mir ebenso am Herzen wie die Durchführung zentraler Reformen der Justiz, der Dezentralisierung sowie der Korruptionsbekämpfung", schrieb Merkel an Selenskij. Auch US-Präsident Donald Trump sicherte dem neuen Präsidenten in einem Telefonat Unterstützung bei der territorialen Integrität des Landes zu.

Selenskij ist erst seit Jahresbeginn auf der politischen Bühne aktiv. Über seine politischen Ziele für das Land mit seinen 42 Millionen Einwohnern ist wenig bekannt. Jedoch steht er wie Poroschenko für eine Annäherung an die EU und den Westen. Er will den Konflikt mit den Separatisten im Osten der Ukraine beenden und die Korruption im Land bekämpfen. Am Sonntagabend sagte Selenskij, er werde die Ukrainer nicht enttäuschen. Die früheren Sowjetrepubliken rief er auf, sich ein Beispiel an der Ukraine zu nehmen. "Alles ist möglich."

Proschenko räumte bereits am Sonntag seine Niederlage in der Stichwahl ein. Er war im Mai 2014 ins Amt gekommen, wenige Monate nach dem Sturz des damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Poroschenko fiel die Aufgabe zu, die Ukraine nach der Abspaltung der Krim und den Kämpfen im Osten des Landes aus einer schweren Krise zu führen. Seinen Vertrauensvorschuss bei vielen Ukrainern hat er aber verspielt. Versprochene Reformen kamen ebenso wenig rasch voran wie der Kampf gegen die Korruption. Auch die Annäherung an die EU verlief langsamer als von vielen Ukrainern erhofft.

Kreml: Aussage über eine Zusammenarbeit mit Selenskyj für "zu früh"

Nach dem Sieg des Politikneulings Wolodymyr Selenskyj bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine hat sich der Kreml ausgesprochen zurückhaltend zu einer künftigen Kooperation geäußert. Es sei "zu früh", über einen Glückwunsch von Präsident Wladimir Putin an Selenskyj oder "die Möglichkeit einer Zusammenarbeit" zu sprechen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Montag in Moskau.

Nur anhand von "Taten" könne dies beurteilt werden, hieß es weiter. Peskow sagte zwar, dass Moskau die Wahl der ukrainischen Bevölkerung "respektiere". Zugleich zog er aber die Legitimität der gesamten Präsidentschaftswahl in Zweifel, da ukrainische Bürger in Russland von der Wahl ausgeschlossen worden seien.

Bei der Stichwahl um das Präsidentenamt in der Ukraine hatte sich der Schauspieler und Komiker Selenskyj am Sonntag klar gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko durchgesetzt. Letzterer war auf Konfrontationskurs mit Moskau gegangen.

Die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern sind seit Jahren schwer belastet. Russland hatte 2014 die ukrainische Halbinsel Krim annektiert und unterstützt außerdem separatistische Kämpfer im Osten des Landes.(apa/afp/reuters)