Das irische Justizministerium schätzt die Zahl jener, die die "New IRA" aktiv unterstützen, auf weniger als 200. "Im Vergleich zur Real IRA und Continuity IRA ist die New IRA neuer, ihre Mitglieder sind jünger und stärker sozialistisch geprägt", sagt O’Connor. Der Wissenschafter geht von rund 50 Kämpfern aus. Öffentlich vertreten werden sie von der Kleinpartei Saoradh. Auf ihrer Homepage verteidigt Saoradh die Taten der "republikanischen Freiwilligen", die am Donnerstag lediglich versucht hätten, die Menschen vor der Polizei zu schützen. Der Tod der jungen Journalistin sei "herzzerreißend", doch die Schuld daran liege ausschließlich bei den "Streitkräften des Vereinigten Königreichs". Die Hinterbliebenen McKees sehen das anders. Sie hinterließen am Montag blutrote Handabdrücke auf dem Parteibüro von Soaradh in Derry.

Mit dem Tod der jungen Frau wird sich die Akzeptanz der Terrororganisationen in der Bevölkerung noch einmal verringern. "Nicht in unserem Namen. RIP Lyra", steht nun auf einer Hauswand unter dem alten Slogan "Sie betreten jetzt das freie Derry". "Der Tod von Zivilisten ist immer ein Rückschlag für diese Gruppen", sagt O’Connor. Dass es nun eine junge Frau getroffen hat, zudem eine Journalistin, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzte, wiege noch schwerer: "Sie war eine Ikone für liberale Werte." O’Connor erinnert an das Attentat von Omagh 1998, das mit 29 Toten das schlimmste Attentat der IRA. "Das war das vorläufige Ende der Real IRA." Auch die New IRA werde nun verschwinden - um in ein oder zwei Jahren wieder aufzutauchen.

Nationalisten isoliert

Laut der nordirischen Polizei finanzieren sich die neuen IRA-Gruppen durch den Drogenhandel. O’Connor bezweifelt das, immerhin gingen diese Organisationen mit äußerster Gewalt gegen Drogendealer in katholischen Gebieten vor. Wahrscheinlicher sei, dass sich die Gruppen durch Überfälle und Schutzgelderpressung über Wasser halten. "Die alte IRA hatte in den 1980ern ein Budget von rund zwei Millionen Pfund im Jahr", sagt O’Connor. Doch das ist lange vorbei. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 sind die Überweisungen aus den USA versiegt.

Hinzu kommt, dass die IRA so infiltriert ist wie nie zuvor. Durch die Zusammenarbeit mit Spitzeln kann die Polizei die meisten Aktionen vereiteln. Auch die Hausdurchsuchungen vom Donnerstag waren die Folge eines Hinweises durch einen V-Mann. Gefunden hat die Polizei nichts. Auch die beiden jungen Männer, die am Samstag festgenommen wurden, sind wieder auf freiem Fuß.

Dass die Splittergruppen vor allem junge Mitglieder haben, liegt auch am Mangel an Perspektiven in der Region. Viele fühlen sich an den Rand gedrängt und im Stich gelassen. Kommt es nach dem Brexit wieder zu Kontrollen zwischen dem EU-Mitglied Irland und der britischen Provinz Nordirland, könnten Grenzposten ein neues Ziel darstellen. "Wenn sich die irischen Nationalisten im Norden nach dem Brexit vom Süden isoliert fühlen, kann das den Splittergruppen wieder Zulauf verschaffen", sagt O’Connor. Hinzu kommt, dass jene Nordiren, die sich als Iren und nicht als Briten fühlen, seit dem Ende der Koalition zwischen der republikanischen Sinn Féin und der unionistischen DUP keine handlungsfähige politische Vertretung mehr haben.

Dabei schreibt das Karfreitagsabkommen vor, dass sich Katholiken und Protestanten die Macht in Belfast teilen müssen. Das Abkommen sollte künftigen Generationen neue Chancen bieten. Unterzeichnet wurde es vor genau 21 Jahren, McKee war damals acht Jahre alt. Ihr Tod zeigt, dass in Nordirland von Frieden keine Rede sein kann.