Berlin. Offiziell steht die Zusammenarbeit mit der EU auf der Agenda, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Staats- und Regierungschefs der sechs Westbalkanländer sowie der EU-Mitglieder Kroatien und Slowenien heute Abend in Berlin empfangen. In Wirklichkeit ist der Grund für das Treffen im Kanzleramt aber ein geostrategisches Ringen, das sich mehrere Großmächte um Einfluss und Macht an der Südostflanke Europas liefern. Denn die jahrelang geplante Annäherung der Region an die EU droht zu scheitern. Im Fokus steht dabei ein Streit zwischen Serbien und Kosovo.

Auch wenn die Einigung zwischen Griechenland und Mazedonien im jahrzehntelangen Namensstreit eine positive Botschaft aus der Region war: EU-Diplomaten warnen seit Wochen vor einer rapiden Verschlechterung der Lage auf dem Balkan. In Bosnien-Herzegowina scheitern die drei Volksgruppen an der Regierungsbildung. In Serbien gibt es Proteste gegen Präsident Aleksandar Vucic. In Albanien gärt der Nationalismus.

Gefährliche Visionen der Nationalisten

Am gravierendsten aber, so ein EU-Diplomat, sei die Eskalation im Streit zwischen Serbien und dem Kosovo. Seit die serbische Regierung die Interpol-Aufnahme des Kosovo verhinderte und die Regierung der ehemaligen serbischen Provinz daraufhin Strafzölle auf serbische und bosnische Produkte verhängte, kochen die nationalistischen Gemüter hoch. Dabei hatte es zuvor den Plan eines Landtausches zwischen beiden Staaten gegeben, mit dem Serbiens Präsident Vucic und Kosovos Staatschef Hashim Thaci den Dauerstreitpunkt der serbischen Exklave im Norden Kosovos beilegen wollten.

Thaci dementiert solche Planungen. Die USA, Russland und die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sehen einen Landtausch jedoch durchaus positiv - aber die Bundesregierung hat ebenso wie eine breite Allianz von Abgeordneten und Experten erhebliche Zweifel. "Das Treffen im Kanzleramt ist die Möglichkeit, den Plan für einen Gebietstausch endgültig zu beerdigen", sagte Grünen-Europaexpertin Franziska Brantner zu Reuters. Denn ethnisch definierte Gebiete, so argumentieren auch die Abgeordneten Peter Beyer (CDU), Josip Juratovic (SPD) und Manuel Sarrazin (Grüne) in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", seien die "gefährliche Vision völkisch denkender Nationalisten, die die Region schon einmal in den blutigsten Krieg der europäischen Nachkriegsgeschichte geführt haben". So wird befürchtet, dass danach auch der Vielvölkerstaat Bosnien-Herzogowina auseinanderbrechen könnte. Jede Grenzverschiebung in der Region sei sehr gefährlich, hatte auch Merkel gewarnt.