London. Dass in Sachen Brexit seit Monaten nichts weitergeht, liegt großteils an einem Versagen der politischen Elite. Sie hat nun die Rechnung für ihr Herumlavieren bekommen: Bei den Kommunalwahlen In England verloren sowohl die regierenden Tories als auch die größte Oppositionspartei Labour vor allem an Kleinparteien. Die Grünen freuen sich, sie haben ihre Sitze in den Gemeinden nahezu versechsfacht. Und die Liberaldemokraten haben ihr bestes Ergebnis seit 2003 eingefahren.

Verloren haben die beiden Großparteien vor allem in ihren Stammgebieten. Für die Tories waren die Verluste im Süden Englands am gravierendsten, für Labour im Norden. Bis Freitagmittag mussten die Tories mehr als 440 Stellen und 18 Gemeinderäte abgeben, viele davon an die Liberaldemokraten. Labour gingen knapp 80 Sitze verloren. Insgesamt wurden mehr als 8400 Sitze in lokalen Gremien gewählt. In England riefen 248 Gemeinden an die Wahlurnen, in Nordirland wurde in allen elf Gemeinden gewählt.

Für Tory-Parteivorsitzenden Brandon Lewis ist der Absturz der Konservativen der Beweis dafür, dass die Wähler "genug" vom Stillstand im Brexit haben. "Sie wollen, dass wir das hinter uns bringen", sagt er am Freitag.

Johnson überrascht mit seltsamen Tweet

Überrascht hat ein Tweet von Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson, in dem er behauptet, eben seine Stimme abgegeben zu haben. "Ich habe eben für die Konservativen gestimmt. Macht das auch!", forderte er seine 550.000 Follower auf. Nach zahlreichen Hinweisen, dass es in London gar keinen Urnengang gegeben habe, löschte der Tory-Politiker seinen Tweet wieder.

Eigentlich hätte das Vereinigte Königreich die EU bereits Ende März verlassen sollen. Mittlerweile ist die Frist bis 31. Oktober verlängert. Im britischen Parlament ist Premierministerin Theresa May mit ihrem Austrittsabkommen bereits drei Mal gescheitert. Wie sie einen No-Deal-Brexit vermeiden will, ist immer noch nicht klar.

Die Lokalwahlen waren auch ein Stimmungstest für die Ende Mai anstehenden Europawahlen. An den Kommunalwahlen durfte die neue Brexit-Partei von Ex-Ukip-Chef Nigel Farage noch nicht teilnehmen. Allerdings liegt sie bei den Umfragen zur Europawahl in Führung. Experten gehen davon aus, dass Labour und Tories hier noch schlechter abschneiden werden. Wollen die beiden Parteien das Schlimmste verhindern, müssen sie ihren Kurs bis zum 23. Mai schärfen und klarmachen, wohin die Reise gehen soll. Seit klar ist, dass sie ihren Deal so nicht durchs Parlament bringen wird, berät sich die Premierministerin mit der Labour-Opposition über das weitere Vorgehen im Brexit – bisher ohne Ergebnis.