"Wiener Zeitung": Der "Spiegel" hat kürzlich aufgedeckt, wie der Kreml AfD-Politiker als "nützliche Idioten" für seine Interessen nutzt. Wie ist das in Österreich?

Anton Shekhovtsov: Die Situation ist eine ganz andere. Das Establishment in Deutschland ist den Russen gegenüber recht skeptisch. In Österreich hingegen sind alle großen Parteien, auch die ÖVP und die SPÖ, mit dem Kreml recht gut gestellt. Österreich kann zwar den europäischen Konsens, etwa was die Sanktionen gegen Russland betrifft, nicht beeinflussen, aber die guten Beziehungen zur Politik nutzen Moskau dennoch. Es will sich darüber hinaus nicht in die Politik einmischen, wie es das etwa in Deutschland oder Frankreich versucht.

Anton Shekhovtsov geboren 1978 in Sewastopol, Krim, forscht seit Jahren zu den Verbindungen europäischer Rechtsextremer zu Russland. Shekhovtsov ist Herausgeber der Buchreihe "Explorations of the Far Right" im Ibidem-Verlag. Derzeit lehrt er am Institut für Politikwissenschaft an der Uni Wien. - © Andreas Jakwerth
Anton Shekhovtsov geboren 1978 in Sewastopol, Krim, forscht seit Jahren zu den Verbindungen europäischer Rechtsextremer zu Russland. Shekhovtsov ist Herausgeber der Buchreihe "Explorations of the Far Right" im Ibidem-Verlag. Derzeit lehrt er am Institut für Politikwissenschaft an der Uni Wien. - © Andreas Jakwerth

In Österreich kam Russlands Präsident Wladimir Putin zur Hochzeit der Außenministerin. Rennt er hier also offene Türen ein?

Ex-Kanzler Christian Kern wurde eine Führungsposition in einem russischen Staatsunternehmen angeboten. Auch Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer ist aktiv in prorussischen Netzwerken. Die Beziehungen sind gut. Auch wenn die FPÖ die russlandfreundlichste Partei in Österreich ist: Moskau will keine einzelnen Parteien unterstützen, weil das die Beziehungen zu den anderen schädigen würde.

Die FPÖ hat allerdings bereits 2016 ein Kooperationsabkommen mit Putins Partei "Einiges Russland" unterzeichnet.

Das war eine symbolische Geste. Sie brauchen ja kein Abkommen, um miteinander zu kooperieren. Die Entscheidung des Kreml dafür kam kurz vor dem zweiten Wahlgang der österreichischen Präsidentschaftswahlen 2016. In den Umfragen lagen der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer und der Grüne Alexander van der Bellen damals gleichauf. Der Kreml hoffte, dass Hofer Präsident werden und Moskau besuchen würde - eine Geste, die dem Kreml genützt hätte. Das ist nicht passiert.

Wie groß ist der Einfluss des Kreml auf die FPÖ?

Ich glaube nicht, dass Russland die FPÖ lenkt. Allerdings wiederholt die FPÖ die Narrative und die Propaganda des Kreml - über die Ukraine, über Syrien, teilweise über die USA und über die Nato. Insofern sind sie nützlich. In den 1990ern, unter Jörg Haider, war die FPÖ noch für die Nato. Seither hat sie eine 180-Grad-Wendung vollzogen, Heinz-Christian Strache ist Anti-Nato, da gibt es Überschneidungen mit dem Kreml.

Vor den EU-Wahlen steigt die Nervosität angesichts der russischen Einflussnahme. Wie groß ist der Einfluss im "Informationskrieg"?

Er wird teils übertrieben. Der Kreml hat keinen Plan, die Wahlen im Allgemeinen zu beeinflussen. Er will seine Verbündeten in jenen Ländern stärken, in denen es keine Interessenkonflikte gibt. Die FPÖ kann er wie gesagt nicht unterstützen, weil das den Beziehungen zu den anderen Parteien schaden würde. In Deutschland hat er die AfD bei den Wahlen zum Bundestag 2017 nur indirekt und im Verborgenen unterstützt, um die Putin-Versteher in CSU und SPD nicht vor den Kopf zu stoßen. Der Kreml ist durchaus vorsichtig. In Skandinavien fällt ihm die Einflussnahme besonders schwer. In Schweden, Dänemark und Finnland hat Moskau keine Verbündeten.