Sibiu. Bürgernähe demonstrierten zumindest die Bürger. Als die Staats- und Regierungschefs der EU zu ihrem Gipfeltreffen auf der Piata Mare, dem zentralen Platz in Sibiu, eintrafen, standen die Bewohner an den Absperrungen Spalier. Sie hielten ihre Telefone zum Fotografieren bereit, schwenkten rumänische Fähnchen und klatschten, als die dunklen Limousinen der Reihe nach vorfuhren. Während in der 400 Kilometer weiter östlich gelegenen Grenzstadt Iasi die regierenden Sozialdemokraten am Donnerstag eine Großkundgebung zum Europatag abhielten, empfing der aus der Nationalliberalen Partei (PNL) stammende Staatspräsident Klaus Johannis die europäischen Spitzenpolitiker in Sibiu, der Stadt wo er jahrelang Bürgermeister gewesen ist.

Der politische Machtkampf in Rumänien wogt. Die Koalition aus Sozialdemokraten und Liberalen wird auch international für umstrittene Justizreformen und geplante Gesetze zur Amnestie in Korruptionsfällen kritisiert. Johannis wiederum hat ein Referendum angesetzt, um diese Gesetzgebung zu stoppen. Die Abstimmung findet am Tag der EU-Wahl Ende Mai statt.

Auf der Piata Mare, auf seine Amtskollegen wartend, sprach der Präsident von der Zukunft der Union, von der Notwendigkeit, geeint und solidarisch zu sein, von einer gemeinsamen Strategie - und all das floss in die Schlusserklärung des Gipfels ein. Doch ebenso sprach Johannis von Bürgernähe. Die Europäische Union und ihre Einwohner seien nämlich ein wenig "auseinander gedriftet" - und müssten wieder zueinander finden. Und das EU-Votum biete eine Gelegenheit dazu. Die Wähler müssen wissen, dass sie mitbestimmen können, befand Johannis.

Er plädierte damit für das Spitzenkandidaten-Modell, das auch gute zwei Wochen vor dem Urnengang für Debatten sorgt und in Sibiu ebenfalls Thema war, etwa beim Treffen der Europäischen Volkspartei (EVP), das dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs vorgelagert war. Die Parteienfamilie, der auch die PNL angehört, hat als Spitzenkandidaten den CSU-Politiker und EU-Abgeordneten Manfred Weber aufgestellt. Falls die EVP beim EU-Urnengang die meisten Stimmen erringt, hat der Deutsche Chancen, das Amt des EU-Kommissionspräsidenten zu übernehmen.

Ringen um Einfluss

Dieses Gewinner-Prinzip haben die Christ- und Sozialdemokraten im EU-Parlament beim letzten EU-Votum vor fünf Jahren durchgesetzt. Doch zum einen ist nicht klar, ob diese beiden Fraktionen auch im künftigen Abgeordnetenhaus die Mehrheit stellen werden. Zum anderen gibt es keinen Automatismus: Die Regierungen, die sich lange Zeit untereinander ausgemacht haben, wer die EU-Kommission leitet, müssen dem nicht zustimmen.