Paris. Von einem "Püppchen" hat dieser junge Mann auf den ersten Blick wenig. Mit seiner sonoren Stimme und der athletischen Statur wirkt Jordan Bardella älter als seine 23 Jahre. Wenn ihn die Zeitung "Libération" dennoch als "Püppchen" betitelt, dann um ihn als Marionette zu beschreiben, deren Fäden Marine Le Pen in der Hand hält.

Die französische Rechtspopulistin hat Bardella zum Listenführer ihrer Partei für die Europawahlen gemacht und behält damit großen Einfluss auf den Wahlkampf. Sie selbst tritt nicht mehr an - französischen Politikern ist die Ämterhäufung seit 2014 verboten und Le Pen will ihren Sitz in der Nationalversammlung behalten. Ihren Rassemblement National (RN) möchte sie als stärkste Oppositionskraft positionieren, möglichst vor Präsident Emmanuel Macrons LREM-Partei. Derzeit liegt sie mit 22 Prozent nur knapp hinter LREM.


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"Libération": Jordan Bardella, poupée de Front pour les européennes
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Bardella ist bereits seit sieben Jahren Mitglied der französischen Rechtsnationalen. Er leitete deren Jugendorganisation "Generation Nation", wurde mit 20 Jahren Regionalrat der Hauptstadtregion und mit 21 Parteisprecher. Aus seiner Herkunft aus einem ökonomisch schwachen Brennpunktviertel am Rande von Paris macht er einen Trumpf: "Ich verstehe die Leute und ihre Probleme", sagt Bardella im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Um sie zu schützen, trete er für "wirtschaftlichen Patriotismus" ein. Als Vorbild nennt er US-Präsident Donald Trump. Die Grenzen wolle er kontrollieren - "nicht mit einer Mauer, aber mit einer Tür, die man schließen kann". Journalisten begegnet Bardella gelassen. Le Pens Slogans wiederholt er aus dem Effeff. Manche spotten, er "rezitiere" seine Chefin wie ein "braver Soldat".

Aus deren Umfeld heißt es, sie könne sich sicher sein, dass Bardella ihr trotz seines Ehrgeizes "nicht das Messer in den Rücken stoßen" werde. Auf andere RN-Nachwuchstalente trifft das nicht zu. Le Pens Nichte, die Ex-Abgeordnete Marion Maréchal, hat den Zusatz "Le Pen" aus ihrem Nachnamen gestrichen und eine Politik-Pause eingelegt. Doch das Comeback der 29-Jährigen, die mit einem Funktionär der italienischen Lega liiert ist, gilt nur als eine Frage der Zeit.

Neben Bardella kann Marine Le Pen ihre junge Rivalin aussehen lassen, als gehöre diese zum alten Eisen. Mit dem höflichen Auftreten eines perfekten Schwiegersohns passt der 23-Jährige bestens in Le Pens Strategie, die Partei zu "entdämonisieren", um neue Wählerschichten anzuziehen. Den Front National benannte sie um, um ihn vom belastenden Erbe ihres Vaters, des bekennenden Rassisten und Antisemiten Jean-Marie Le Pen, zu lösen. Das Parteiprogramm beruht allerdings weiterhin auf der Ablehnung von Ausländern.

Nur bei einer Frage nahm der RN eine Wende: Er fordert nicht mehr Frankreichs Austritt aus der EU und der Eurozone, für die es keine Mehrheit gibt. Vielmehr arbeitet man an der Bildung einer möglichst starken rechtspopulistischen Fraktion, unter anderem mit der österreichischen FPÖ und der Lega Nord des italienischen Innenministers Matteo Salvini, den Bardella oft bewundernd erwähnt. Von einem "Aufwachen des Volkes" spricht er. Bardella hofft, dank dieses "Aufwachens" einer der jüngsten EU-Abgeordneten zu werden.