Das hat für viel Aufsehen gesorgt. Es heißt, dass eine China-Tournee der Prager Philharmonie, die für den Herbst geplant war, abgeblasen werden könnte.

Im Zuge unserer Verhandlungen haben wir jetzt Signale bekommen, dass die tschechischen Musiker aufgefordert worden sein sollen, ein Dokument zu unterzeichnen, in dem sie sich von der Position der Prager Stadtregierung distanzieren. Dass Kultur und Politik vermischt werden, ist für uns völlig inakzeptabel. Aber es könnte sehr gut sein, dass der Philharmonie die Erlaubnis für die Tournee entzogen wird.

Vor allem der tschechische Präsident Milos Zeman gilt als großer China-Freund und hat seinen Amtskollegen Xi Jinping mehrmals getroffen. Sehen Sie sich als Gegengewicht zu seiner Politik?

In Tschechien wird die Außenpolitik nicht vom Präsidenten und auch nicht von der Prager Stadtregierung, sondern vom Außenministerium gemacht. Wir sind schlichtweg der Meinung, dass so ein Artikel in einer Städtepartnerschaft nichts zu suchen hat. Im Übrigen haben wir auch auf dem Rathaus wieder die tibetische Flagge gehisst (im Rahmen der Aktion "Raise a Flag for Tibet, Anm.), was unter meiner Vorgängerin nicht üblich war.

Tschechien ist mit Polen, Ungarn und der Slowakei Teil der Visegrad-Staaten. Vor allem in Ungarn und Polen sind rechtspopulistische Regierungen an der Macht, auch der tschechische Premier Babis wird immer wieder den Populisten zugerechnet. In Polen stellen mittlerweile viele liberale, progressive Bürgermeister ein Gegengewicht dar zur rechtspopulistischen Politik auf nationaler Ebene. Denken Sie, dass sich die Rolle der Bürgermeister verändert?

Natürlich könnte ich jetzt so etwas sagen, wie: Bürgermeister an die Macht! (lacht) Aber im Ernst: Viele Menschen ziehen in die Städte, bis 2050 sollen zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Für mich ist es klar: Unsere Zukunft sind die Städte. Wir sind inmitten dieses Prozesses, der natürlich auch die städtische Politik vor neue Herausforderungen stellt. Wie etwa die Frage, wie wir mit steigenden Immobilienpreisen umgehen. Die Städte sind aber zweifellos die Motoren der modernen Wirtschaft, und die Bedeutung der Städte wird sicher weiter zunehmen.

Von 23. bis 26. Mai finden die EU-Wahlen statt. Wie schätzen Sie die Stimmung in Tschechien ein?

Umfragen sehen die Wahlbeteiligung bei nur rund 15 Prozent. Das zeigt, dass viele tschechische Bürger die EU-Wahlen für nicht wichtig halten, was sehr schade ist. Möglicherweise liegt das aber auch an einer gewissen Wahlmüdigkeit der Tschechen, bis 2027 wird es in Tschechien jedes Jahr eine Wahl geben. Aber Wahlen sind ein Fest der Demokratie, deswegen ist es wichtig, so viele Menschen wie möglich zu ermuntern, sich an diesem Prozess zu beteiligen und unsere gemeinsame Zukunft zu gestalten.