Brüssel/Wien. Von einer "Schicksalswahl" ist die Rede, von einer Weichenstellung für die kommenden Jahrzehnte, von der wichtigsten Europawahl seit der Gründung der EU. Rund 400 Millionen Menschen sind von 23. bis 26. Mai aufgerufen, ein neues Europaparlament zu wählen. Und tatsächlich: Sie entscheiden, ob die Mitgliedstaaten künftig enger zusammenarbeiten oder sich wieder nach innen kehren sollen. Sollen sie zu so etwas wie den Vereinigten Staaten von Europa werden? Oder soll die EU eine Allianz der Nationalstaaten bleiben?

Über Fragen wie diese debattieren die europäischen Spitzenkandidaten am Mittwochabend in Brüssel. In den Mitgliedstaaten werden sie indirekt mitgewählt: Wer in Österreich der SPÖ seine Stimme gibt, wählt auch den sozialdemokratischen Spitzenkandidaten Frans Timmermans, wer sich für die ÖVP entscheidet, erhöht die Chancen Manfred Webers von der Europäischen Volkspartei (EVP) auf den Posten des EU-Kommissionschefs. Das ist wichtig, weil der Spitzenkandidat der stärksten Fraktion seit den Wahlen von 2014 Kommissionschef werden darf.

Derzeit sieht es danach aus, als würde die EVP wieder stärkste Fraktion – wenn auch mit großen Verlusten. Doch deren Spitzenkandidat Weber gilt als profillos, selbst in Deutschland kennen ihn Umfragen zufolge nur 26 Prozent. Und in den Mitgliedstaaten regt sich ohnehin Widerstand gegen das System der Spitzenkandidaten. Während das Europaparlament darauf besteht, nur einen Spitzenkandidaten zu wählen, hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron andere Pläne für Europa und stellt sich gegen EVP-Kandidat Weber. Auch Belgien, Luxemburg und die Niederlande wollen sich nicht an das Spitzenkandidatensystem binden. Zusammen mit der liberalen Alde-Fraktion will Macron nach den Wahlen bei der Besetzung von Topjobs in der EU mitreden. Im siebenköpfigen Alde-Spitzenkandidatenteam ist EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager das bekannteste Gesicht. Sie gilt als aussichtsreiche Kompromisskandidatin, wollte bisher aber nicht verraten, ob sie Kommissionschefin werden will.

Tatsächlich ist es gut möglich, dass diesmal keine der beiden großen Fraktionen den Kommissionspräsidenten stellen kann: Umfragen legen das Ende der Zwei-Parteien-Mehrheit im Europaparlament nahe.

Rumäniens Sozialdemokraten gegen Timmermans

Doch nicht einmal ihre eigenen Fraktionen stehen geschlossen hinter den Spitzenkandidaten. So haben die ungarischen Fidesz-Abgeordneten sowie ihre slowenischen Kollegen dem EVP-Kandidaten Weber die Unterstützung bereits versagt. Und der Sozialdemokrat Timmermans kann nicht auf seine rumänischen Parteifreunde zählen. Grund dafür ist ein EU-Mahnbrief an Bukarest, den Vize-Kommissionschef Timmermans unterschrieben hat. Umso mehr ist die stärkste Fraktion nach den Wahlen auf andere Parteienfamilien angewiesen. Bestätigt werden muss der Kommissionspräsident von mindestens 376 der 751 Abgeordneten. Von den 28 Mitgliedstaaten muss ihn eine qualifizierte Mehrheit unterstützen.

Wer im Sommer zum EU-Kommissionschef bestellt wird, ist also völlig offen. In der EU werden prominente Kandidaten für Topposten oft früh "verbrannt", nicht selten taucht in letzter Minute ein Außenseiter auf. Die Mitgliedstaaten und die europäischen Parteienfamilien müssen einen möglichst fairen Kompromiss finden – und das ist bei 28 Nationen und einem halben Dutzend Fraktionen nicht einfach. Wichtige Entscheidungen werden oft spätnachts im Hinterzimmer getroffen, viele davon werden überhaupt erst durch Deals möglich.

Wer am 26. Mai am Urnengang teilnimmt, sollte sich also bewusst sein, dass eine Stimme in Österreich auch über die Besetzung von EU-Spitzenjobs entscheidet.