Wiener Zeitung: Kommissarin Vestager, Sie wollen als erste Frau die EU-Kommission leiten. Wird überhaupt einer der Spitzenkandidaten der großen Parteienfamilien Präsident der EU-Kommission?

Margrethe Vestager: Das Parlament hat klargemacht, dass es einen der Spitzenkandidaten zum Chef machen will. Das hält die Staats- und Regierungschefs aber nicht davon ab, ihren eigenen Kandidaten vorzuschlagen, wohl einen Premier – viele Frauen gibt es ja nicht. Man wird sehen, wie es dann weitergeht. Es geht darum, eine Einigung zwischen Rat und Parlament zu finden. Es braucht jemanden, der das Vertrauen beider Institutionen genießt, damit wir alle weiterkommen.

Die Mitgliedstaaten stellen das System der europäischen Spitzenkandidaten also in Frage. Funktioniert es überhaupt?

Prinzipiell ist es wichtig, dass der Rat und das Europäische Parlament sich auf einen Kandidaten einigen. Diese Institutionen sind Quellen unserer Demokratie, diese Doppelidentität ist gut für uns Europäer. Sie sollte sich auch in der Art wiederfinden, wie wir den Präsidenten der Kommission und die anderen Spitzenposten in der EU besetzen. Im Spitzenkandidatensystem kennen wir vielleicht nicht alle Kandidaten, es kann sein, dass plötzlich ein Regierungschef auftaucht und dann alle sagen: Ja, den brauchen wir. Wir brauchen diese Art der Flexibilität. Die europäische Demokratie kommt nicht aus dem Lehrbuch, sie ist flexibel.

Mit welchen Fraktionen kann sich die liberale Alde eine Zusammenarbeit vorstellen, wer steht Ihrer Fraktion am nächsten?

Es ist nicht die Zeit dafür, das festzulegen. Wir brauchen eine breite Koalition, die sich in den fundamentalen Dingen einig ist. Einige dieser Fundamente sind in Gefahr: etwa Rechtsstaatlichkeit oder Pressefreiheit. In manchen EU-Ländern fühlen sich die Menschen im Stich gelassen. Haben wir uns einmal auf wichtige Eckpfeiler geeinigt, müssen wir auch unsere Differenzen zulassen. Man kann kein Fünf-Jahres-Programm in wenigen Wochen beschließen. Das wäre nicht konstruktiv.

Welchen Beziehungsstatus hat die Alde-Fraktion mit dem französischen Präsidenten Macron?