Wie will Vestager diese Menschen von der EU überzeugen, wie will sie ihnen zeigen, dass die Mitgliedschaft ihr Leben verbessert hat? "Wir müssen hier, wie überall anders auch, zeigen, dass wir das ändern können", sagt die Liberale. Die nächste Kommission solle zur Hälfte aus Frauen bestehen. Doch wird das die Slowaken überzeugen? Werden sie deshalb EU-freundlicher werden? Darauf gibt es keine Antwort.

Vestager hört sich alles aufmerksam an, es dauert, die Fragen sind ausführlich formuliert, teils länger als die Antworten. Der Pressesprecher wird nervös, sieht ständig auf die Uhr. "Wir müssen das zügiger angehen", sagt er nach wenigen Minuten, "sonst geht sich das alles nicht aus". Jeder Journalist, so wurde vereinbart, darf eine Frage stellen.

Unangenehme Spenden

Die "Wiener Zeitung" entscheidet sich dafür, die Spenden an Vestagers Fraktion anzusprechen. Die Liberalen im EU-Parlament haben 425.000 Euro von großen US-Konzernen angenommen. Darunter war auch Google – ausgerechnet jener Suchmaschinenriese, gegen den Vestager als Wettbewerbskommissarin Milliardenstrafen verhängt hatte. Auf die Frage, ob die Liberalen hier in einen Interessenskonflikt geraten, folgt die denkbar knappste Antwort: "Ich hatte damit nichts zu tun. Die Partei hat außerdem beschlossen, diese Spenden zu stoppen."

Vestager ist kritische Fragen nicht gewohnt. Der Respekt für die Liberale ist auch außerhalb Europas groß, schließlich war sie mutig genug, sich mit Wirtschaftsgiganten wie Google und Apple anzulegen. In ihrer Rolle als Wettbewerbskommissarin wurde sie zum Polit-Star, in Dänemark war sie die jüngste Ministerin aller Zeiten. Vestager war Vorsitzende der sozialliberalen "Radikal Venstre", sie führte das Wirtschafts- und Innenresort, bevor sie 2014 nach Brüssel wechselte. Daheim wurde sie zur "Dänin des Jahres" gewählt. Der preisgekrönten dänischen Fernsehserie "Borgen" diente sie als Inspiration. Die Figur der Ministerpräsidentin Birgitte Nyborg ist an Vestager angelehnt, die Hauptdarstellerin hat die Politikerin einen Tag lang begleitet.

Vestager ist eine der beliebteste EU-Politikerinnen, in Brüssel gilt sie als liberaler Leuchtturm. Dass sie beliebter ist als ihr Arbeitgeber ist Segen und Fluch. Spürbar wird das, wenn sie zu Affären befragt wird, für die sie nichts kann.

Zwischenfälle wie die Spendenaffäre dürften Vestager besonders ärgern. Sie spricht gerne von Transparenz, von Gerechtigkeit und einer Union, die die Menschen wieder ernster nimmt. Tatsächlich kann man sie für vieles, das in Brüssel schiefläuft, nicht verantwortlich machen.

Ein Kollege aus Spanien spricht die Ernennung Martin Selmayrs zum Kabinettschef Junckers an, die viele für eine geschobene Partie halten. "Das Parlament und die Kommission haben viel getan, um diesen Prozess aufzuarbeiten", antwortet Vestager, dann schweift sie ab. Die EU habe ein Verständigungsproblem, die Sprache sei zu kompliziert, es gebe zu viele Abkürzungen, von denen niemand wisse, was sie bedeuten. "Wir brauchen eine Sprache, die Menschen dazu einlädt, sich an der Debatte zu beteiligen, anstatt uns hinter Akronymen zu verstecken, die keiner versteht."

Bei einer Frage stolpert sie

Elegant windet sich Vestager um die schwierigen Antworten herum. Nur bei einer Frage stolpert sie: Wie die Differenzen der Mitgliedstaaten beim Thema Asyl beigelegt werden können. Sie habe sich erst gerade als Spitzenkandidatin positioniert, sagt sie, "daher habe ich noch nicht für alle Themen einen Plan parat". Vestager will ein gemeinsames Asylsystem, das funktioniert, um den Stillstand in der EU zu überwinden. Die wenigsten werden ihr hier widersprechen.

Vestager, das muss man ihr lassen, ist eine der wenigen Politikerinnen, die Fehler einräumt. Eine Journalistin aus Lettland sagt, die Menschen dort fühlten sich nicht verstanden von der EU, vor allem im Bereich Sicherheit - Lettland grenzt an Russland. "Hat man einen Nachbarn, der nicht zur EU gehört, dann stehen die Dinge anders", räumt Vestager ein. "Ich bereue es sehr, dass ich nicht mehr außerhalb der EU-Zentren gereist bin." Man müsse die Menschen treffen, um sie zu verstehen.

Geht der Plan der Liberalen auf, könnte Vestager bald EU-Kommissionspräsidentin werden. Es wäre ein Meilenstein, die Liberale wäre die erste Frau auf diesem Spitzenposten. Ob sie dann noch Zeit hat, in die kleinen Mitgliedstaaten am Rande Europas zu reisen, ist allerdings fraglich.