Brüssel. (wak) Dass die EU gerne in der nationalen Politik als Buh-Mann herhalten muss, ist nichts Neues. Und dass das Projekt Europa keine Einbahnstraße sein muss, wurde spätestens im Zuge der Wirtschaftskrise klar. Kaum wurden die geschönten Zahlen aus Griechenland aufgedeckt, wurden die Rufe nach dem ersten Exit laut - die erste Wort-Komposition war der Grexit. Nacheinander wurde praktisch jedes EU-Land mit so einer Wortschöpfung bedacht, aus dem Öxit wurde noch nichts, aus dem Frexit auch nicht, aber der Brexit dominiert dafür tagtäglich das Mediengeschehen.

Und so zeichnet die neue Umfrage des European Council on Foreign Relations (ECRF) ein düsteres, wenngleich nicht sonderlich überraschendes Bild. Die proeuropäische Denkfabrik mit dem anachronistischen Sitz in London hat in einer Umfrage in 14 EU-Ländern versucht, den Puls der EU-Bürger zu messen. Dabei wurden fast 50.000 Wähler befragt.

Eine selbsterfüllende Prophezeiung?

Das Ergebnis: In allen EU-Mitgliedsstaaten außer in Spanien halten es die meisten Befragten für möglich, dass die EU in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren auseinanderbricht. Für einen Schockeffekt sorgt ebenso die Tatsache, dass große Teile der Bevölkerung, und zwar vor allem die jüngeren Menschen, glauben, dass ein Krieg zwischen EU-Ländern durchaus möglich ist.

Für die Umfrage wurden etwa potenzielle Wähler in Österreich befragt, aber auch Wahlberechtigte in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, den Niederlanden, Polen, Rumänien, Schweden, der Slowakei, Spanien und Ungarn. Die Denkfabrik-Analyse mit dem Titel "Was fühlen die Europäer wirklich? Der Kampf um das politische System" weist daraufhin, dass einerseits die EU-Mitgliedschaft derzeit zwar einen starken Rückhalt in der Bevölkerung hat. Das ist aber der Status quo. Denn ob es so weitergehen kann, ob es die EU in Zukunft überhaupt noch gibt, ist die große Frage.

In allen europäischen - nationalen - Wahlen gebe es eine ähnliche Wasserscheide. Die optimistisch eingestellten Wähler, die Kooperation wollen, stehen den pessimistischen Wählern gegenüber, die in ihrer Welt des Wettbewerbs, der Konkurrenz leben.

"Proeuropäische Parteien brauchen jetzt eine inklusive, überzeugende Vision für die Zukunft - eine, die mehr auf die Gefühle der Wähler achtet", so eine Empfehlung der Studie. Die Wähler müssen sich emotional verbunden fühlen, anstatt bloß überredet zu werden.