Zagreb. Am Ende summt Angela Merkel beschwingt mit. Die deutsche Kanzlerin kennt die Lieder zwar nicht, die die 5.000 Teilnehmer der Wahlkampfveranstaltung der kroatischen HDZ in Zagreb am Samstagabend inbrünstig singen. Aber die Stimmung in der Drazen-Petrovic-Basketball-Halle steckt Merkel sichtlich an.

Außerdem ist sie ebenso wie EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber gut gelaunt, weil ihr erster Auftritt im Europawahlkampf ungeahnte Bedeutung bekommen hat. Denn keine Flugstunde von hier entfernt, in Wien, hat ein politisches Erdbeben dafür gesorgt, dass die Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten plötzlich das alles beherrschende Thema ist. Angeheizt wird dies auch noch dadurch, dass zeitgleich in Mailand elf europäische Rechtsaußen-Parteien ein großes Treffen abhalten und gegen Immigration und die EU wettern.

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Unklare Auswirkungen auf Rechts-Allianz

Deshalb verwandelt sich Merkels Zagreb-Auftritt in eine Art Fernduell um die Zukunft Europas. Nach dem Zusammenbruch der umstrittenen ÖVP-FPÖ-Regierung in Wien kommt eine Woche vor der Europawahl der Eindruck auf, als ob der Höhenflug rechtsextremer und populistischer Parteien ein Ende haben könnte. Denn der Rücktritt von FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache trifft nicht nur dessen Partei als Koalitionspartner von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) ins Mark. Straches Äußerungen in dem heimlich gefilmten Video fachen den Vorwurf der Russland-Hörigkeit an, der auch gegenüber dem Mailänder Gastgeber, Lega-Chef Matteo Salvini, der französischen Rechtsaußen-Chefin Marine Le Pen und der AfD erhoben wird. Le Pen hat Strache am Montag einen "schwerwiegenden Fehler" attestiert. Das Fehlverhalten des bisherigen FPÖ-Chefs in der Videoaffäre sei aber umgehend durch seinen Rücktritt geahndet worden, sagte sie  im Radiosender France Info.

Doch so sehr die Gegner der Rechtspopulisten am Wochenende über den FPÖ-Skandal jubelten: Es ist noch gar nicht klar, welche Auswirkungen die Enthüllungen etwa auf die Europawahl außerhalb Österreichs haben werden. So zeigt sich etwa in deutschen Umfragen, dass die AfD-Anhängerschaft relativ unberührt auf Spendenskandal-Vorwürfe der Partei reagiert. Und die Konkurrenten von Merkels konservativer europäischer Parteienfamilie EVP machen mobil: "Wer hat denn Strache zum Vize-Kanzler gemacht?", stichelt etwa SPD-Chefin Andrea Nahles auf Twitter in Richtung CDU und EVP. "Natürlich wir hoffen, dass das jetzt ein Push, einen pro-europäischen Push gibt in ganz Europa", fügte sie am Sonntag hinzu. Auch Grüne und Linke werfen vor allem der CSU und der ÖVP vor, mit einer mangelnden Abgrenzung gerade zum Aufkommen der Rechtspopulisten beigetragen zu haben. In den beiden angesprochenen Parteien wird dezent darauf verwiesen, dass die SPÖ im Burgenland ja bisher ebenfalls mit der FPÖ koaliert hat.