Auch Lehne sieht das "Scheitern des österreichischen Experiments" als "Rückschlag" für die Befürworter einer Zusammenarbeit mit rechten Parteien. Ob Kanzler Sebastian Kurz mittelfristig von dieser neuen Situation profitieren kann, würden erst die Neuwahlen zeigen.

Sicher ist für Emmanouilidis, dass die Position des österreichischen Kanzlers auf europäischer Ebene "immens geschwächt ist". Im Mitte-rechts-Lager habe Kurz eine wichtige Stimme gehabt, "er hat eine gewichtigere Rolle gespielt, als die Größe seines Landes das vorgegeben hat".

Das muss zwar nicht bedeuten, dass sich nun die Kräfteverhältnisse im Gremium der EU-Staats- und Regierungschefs generell massiv verschieben. Dennoch könnten die Entwicklungen in Österreich schon bald zumindest in einen Bereich ausstrahlen - und der ist nicht unerheblich. Es geht um die Besetzung gleich mehrerer EU-Spitzenposten, die nach dem Urnengang anstehen. Danach wird nämlich nicht nur die Führung des nächsten EU-Parlaments bestimmt. Auch die Präsidenten der EU-Kommission, des EU-Rats und der Europäischen Zentralbank werden neu fixiert.

Testlauf für Nationalratswahl

Das meiste machen sich dabei die Regierungen untereinander aus, wobei es sowohl die Parteien- als auch die Länderinteressen zu berücksichtigen gilt: In dem fein austarierten Gefüge müssen sich kleine und große Staaten, der Norden wie der Süden, der Westen und der Osten sowie diverse politische Gruppierungen vertreten fühlen. Zumindest eine Frau sollte außerdem ebenfalls einen der Topjobs erhalten.

Einen besonderen Zusammenhang gibt es aber zwischen der Wahl des EU-Parlaments und der Bestimmung des EU-Kommissionspräsidenten. Auch wenn diesen die Mitgliedstaaten ernennen dürfen, haben die zwei größten Fraktionen im EU-Abgeordnetenhaus bei der Wahl vor fünf Jahren das Spitzenkandidaten-Prinzip durchgesetzt. Die Christ- und die Sozialdemokraten haben sich damals geeinigt: Die nach dem Votum stärkste Partei stellt den Kommissions-, die zweitstärkste den Parlamentspräsidenten. Die EVP erhielt die meisten Stimmen, und deren Spitzenkandidat Jean-Claude Juncker gelangte an die Spitze der EU-Kommission.

Dieses Prozedere will vor allem die Volkspartei nun wiederholen - und einer der größten Unterstützer dafür ist gerade Kurz. Der österreichische Bundeskanzler hat sich mehrmals dafür ausgesprochen, das Modell weiterzuführen. Der deutsche CSU-Politiker Manfred Weber, den die EVP als Spitzenkandidaten aufgestellt hat, kann daher mit Rückendeckung aus Wien rechnen. Wie viel Gewicht dies jedoch in der aktuellen Situation hat, ist freilich offen.

Klar ist, dass etliche Staaten - darunter Frankreich - das Spitzenkandidaten-Prinzip ablehnen. Und ob sich dessen Gegner oder Befürworter durchsetzen, könnte sich bereits nächste Woche abzeichnen. Am Dienstag kommen die Staats- und Regierungschefs zu einem Abendessen in Brüssel zusammen. Sie wollen dabei nicht nur über das Ergebnis der EU-Wahl diskutieren, sondern auch über die Postenbesetzungen.

In Österreich hat der Ausgang des Urnengangs jedenfalls schon jetzt eine weitere Dimension erhalten. Ob es Zufall ist oder nicht, dass das Ibiza-Video kurz vor dem EU-Votum aufgetaucht ist - der Urnengang wird weit brisanter für die Parteien, als es noch vor einigen Tagen den Anschein hatte. Er wird zum Testlauf für die Nationalratswahl im Herbst.