Brüssel/Den Haag. Dass die Österreicher erst am Sonntag an die Urnen schreiten, liegt im europäischen Trend. In nur sieben der 28 EU-Länder wird bereits davor gewählt. In den Niederlanden geschah dies bereits am Donnerstag, dort bahnt sich eine Überraschung an. Nachwahlumfragen zufolge siegte der Sozialdemokrat Frans Timmermans - er ist auch Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten.

Der 58-Jährige ließ Rechtsliberale und Christdemokraten hinter sich, das in Umfragen führende rechtspopulistische FvD landete nur auf dem vierten Platz. "Es gibt klar eine Mehrheit in den Niederlanden, die will, dass die Europäische Union eine Rolle spielt", sagte Timmermans.

Zulegen müssten die Sozialdemokraten auch europaweit, derzeit sind sie nur die zweitstärkste Fraktion im EU-Parlament. Timmermans kann in einem halben Dutzend Sprachen wahlkämpfen, darunter auch auf Deutsch. In Wien warb er für einen europäischen Mindestlohn sowie eine Mindestsicherung. Sollte es Timmermans an die Spitze der Kommission schaffen, wäre die Einarbeitungszeit kurz, amtiert er doch seit 2014 als Vizepräsident der Brüsseler Behörde.

Sein schärfster Konkurrent, Manfred Weber, ist Fraktionsversitzender der Europäischen Volkspartei, der größten Kraft im EU-Parlament. Bei der Wahl gehe es um die Frage, ob Europa weiter zusammenhalte, sagte der 46-jährige Bayer. Er will die Einrichtung einer Sicherheitsbehörde nach dem Vorbild des US-amerikanischen FBI, die schnelle Aufstockung der Grenzschutzagentur Frontex und einen Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei.

Weber grenzt sich von rechtspopulistischen und noch weiter rechts stehenden Kräften ab. Diese haben keinen offiziellen Spitzenkandidaten, in Matteo Salvini aber einen inoffiziellen Anführer. Italiens Innenminister ist auch treibende Kraft bei der Formierung eines neuen rechten Bündnisses im EU-Parlament. Ziel sei es, die Regeln Europas zu ändern, so Salvini bei der Präsentation der Allianz, der auch die FPÖ angehört. Den Skandal um das Ibiza-Video taten die europäischen Partner der Freiheitlichen als österreichische Angelegenheit ab.

Bekannteste Person im Wahlkampf der Liberalen ist Margrethe Vestager. Die Dänin hat sich als EU-Wettbewerbskommissarin seit 2014 im Kampf gegen unfaire Geschäftspraktiken einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet. Sie ermittelte gegen das deutsche Autokartell und legte sich mit mächtigen Digitalkonzernen an. So erhielt Google die Rekordstrafe von 4,34 Milliarden Euro. Dank der Allianz mit der Partei von Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron können die Liberalen auf deutliche Zugewinne hoffen. Sie wollen zum Königsmacher aufsteigen. Denn erstmals seit Beginn der Direktwahl der EU-Parlamentarier 1979 werden Christ- und Sozialdemokraten wohl nicht gemeinsam die Mehrheit halten.

Ein Plus erwarten sich auch die Grünen unter der Deutschen Ska Keller und dem Niederländer Bas Eickhout. Keller will das EU-Parlament - in dem ihrer Meinung nach zu viele alte Männer säßen - stärken und den Einfluss der Staats- und Regierungschefs zurückdrängen.