Wien. "Ach Europa!" Ein Seufzer war titelgebend für das Buch, das Hans Magnus Enzensberger vor gut dreißig Jahren veröffentlichen ließ. "Wahrnehmungen aus sieben Ländern" hat er darin verpackt, Erzählungen von Menschen und Gedanken, die während seiner Reisen entstanden sind. Einem neugierigen Wanderer gleich und Reporter, der noch die Zeit dafür hatte, traf der deutsche Schriftsteller und Dichter Berufskollegen, Intellektuelle, Politiker, Verschwörungstheoretiker und Arbeiter oder ließ sich einfach treiben und von Bekannten von Bekannten aufs Land fahren, weil es sich ja auch gehört, sich in der Provinz umgesehen zu haben.

Die Ränder Europas interessierten Enzensberger: Schweden und Norwegen, Spanien und Portugal, Ungarn und Polen. Auch Italien war dabei - zum damaligen Zeitpunkt der einzige Staat unter den bereisten Ländern, der Mitglied der EU war.

Mittlerweile ist Norwegen das einzige dieser Länder, das nicht der Gemeinschaft angehört. Und wie sehr hat sich Europa auch sonst verändert. Die Dissidenten und Oppositionellen, die unterm sozialistischen Regime nur im Untergrund tätig sein konnten, wurden zu demokratisch gewählten Staats- und Regierungschefs. Peseta, Escudo und Lira wurden durch den Euro ersetzt. Passkontrollen sind im Schengen-Raum abgeschafft.

Und wie wenig hat sich Europa in manchen Bereichen verändert. Die Gedanken zu den ungarischen "Volkstümlern", wie Enzensberger eine Fraktion bezeichnet, die sich um Bevölkerungsschwund und Überfremdung der einheimischen Kultur sorgen, sind noch immer nicht obsolet. Auch jene nicht zur ideologischen Einflussnahme der katholischen Kirche auf die Politik in Polen. Ebenso wenig jene zu den Alleingängen der Italiener, die nur geringe Verantwortung für das gemeinsame Ganze übernehmen wollen. Bei allen Verallgemeinerungen aber klingt im Buch Sympathie für die Eigenheiten und Unterschiedlichkeiten der Europäer durch.

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Die erhält sich der Autor auch Jahrzehnte später, selbst wenn sich sein Europa-Seufzer in Unmut verwandelt hat. In einem Essay schreibt Enzensberger 2011 vom "sanften Monster Brüssel" und geißelt die EU-Bürokratie mit ihrer gewaltlosen Vormundschaft, die nur zu unserem Besten uns daran hindern will, dass wir
rauchen, zu viel Fett und Zucker essen, Kruzifixe in Schulzimmern aufhängen und illegale Glühbirnen in unsere Lampen schrauben.

Irgendwo dazwischen, zwischen Begeisterung für ein europäisches Projekt und Ablehnung einer abgehobenen Elite, zwischen dem herzensnahen und dem kaltfremden Europa bewegen sich unsere Vorstellungen von der EU. Auch sie haben Einfluss auf das Wahlverhalten der EU-Bürger, die gerade einmal alle fünf Jahre dazu aufgefordert sind, für ein - von den meisten Hauptstädten aus betrachtet - fernes EU-Parlament zu stimmen, das einmal in Brüssel und einmal in Straßburg tagt. Falls sie überhaupt daran Interesse zeigen: Die Beteiligung am Votum sinkt kontinuierlich; 2014 betrug sie nicht einmal 43 Prozent.