London. Boris Johnson fühlt sich bestätigt. Die Botschaft der Wähler sei eindeutig gewesen, sagte der Tory-Abgeordnete am Montag: "Wir müssen den Brexit durchziehen und Pläne für unsere Zukunft schmieden." Am Tag davor war Nigel Farages Brexit-Partei in Großbritannien mit rund 32 Prozent der Stimmen als klarer Sieger der EU-Wahl hervorgegangen. Auf dem zweiten Platz liegen die proeuropäischen Liberaldemokraten (18,6 Prozent); die Tories kommen auf gerade einmal 9 Prozent, Labour auf 14 Prozent.

Die Wahl hätte zwar nie stattfinden sollen, ein Stimmungstest waren sie dennoch. Die konservativen Tories könnten die historische Niederlage zum Anlass nehmen, bei der Wahl eines Nachfolgers für die scheidende Premierministerin Theresa May noch ein Stück nach rechts zu rücken - und dem Brexit-Ultra Farage das Wort zu reden.

Zwar erhielten proeuropäische Parteien mit insgesamt rund 40 Prozent deutlich mehr Stimmen als die Brexit-Partei. Doch die Tories verloren ihre Wähler hauptsächlich an Farage, rund 80 Prozent der konservativen Stammwähler sind für den EU-Austritt.

Farage fordert nun ein Mitspracherecht bei den Brexit-Verhandlungen. Der 55-Jährige will, dass das Königreich am 31. Oktober aus der EU aussteigt - ob mit oder ohne Deal.

Das will auch Boris Johnson. Der Brexiteer der ersten Stunde hat von allen Bewerbern um Mays Nachfolge mit Abstand die besten Karten. Macht Johnson ernst, verspielt er zwar das Vertrauen des britischen Parlaments, das sich gegen einen Brexit ohne Abkommen ausgesprochen hat. Doch das kümmert Johnson wenig. Er will sein Land auf einen harten Brexit vorbereiten - und nutzt das Szenario, um Brüssel zu drohen: Bleibt die Regierung hart, so das Kalkül, wird die EU schon noch nachgeben und auf die Forderungen Londons eingehen. Viele halten das für einen Bluff und Boris Johnson für einen Clown. Mit seiner seltsamen Frisur und den halbwitzigen Sprüchen mag er so wirken, doch man sollte Johnson nicht unterschätzen: In der Tory-Basis ist er beliebt - und am Ende entscheidet sie darüber, wer neuer Premier wird.

Fällt die Wahl auf Johnson, muss die EU mit einem harten Brexit rechnen. Bleibt Brüssel dabei, das Austrittsabkommen nicht noch einmal aufzuschnüren, schlittert das Vereinigte Königreich automatisch ohne Deal aus der EU. Dass Experten wie Wirtschaftstreibende davor warnen, kümmert Johnson wenig. Bei einem ungeordneten Brexit müssten über Nacht Zölle eingeführt werden. Großbritannien wäre auf die Handelsregeln der WTO zurückgeworfen, das Bruttoinlandsprodukt würde einbrechen, es droht ein Preisanstieg.

Brexiteers wie Johnson und Farage macht das keine Angst. Sie glauben daran, dass ihr Land nach dem Brexit zu alter Größe zurückfinden wird. Bis es so weit ist, will Farage weitermachen. Er droht nun damit, auch bei den nächsten nationalen Parlamentswahlen anzutreten, wenn Großbritannien die EU am 31. Oktober nicht verlässt. "Geschichte wurde geschrieben", schrieb er am Montag auf Twitter. "Das ist erst der Anfang."