Berlin/Athen. Die deutsche Bundesregierung zeigt keine Bereitschaft, mit Griechenland über Reparationen für die von Deutschland im Ersten und Zweiten Weltkrieg verursachten Schäden zu verhandeln. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts (AA) bekräftigte am Mittwoch in Berlin, dass das Thema für die Bundesregierung "rechtlich und politisch abgeschlossen" sei. Am Dienstag hatte der griechische Botschafter in Berlin eine sogenannte Verbalnote übergeben, in der die deutsche Regierung zu Verhandlungen über Reparationen aufgefordert wird. Der AA-Sprecher konnte noch nicht sagen, ob die Note beantwortet wird. Er verwies darauf, dass solche Schreiben vertraulich behandelt würden.

Athen hatte die Verbalnote Ende April angekündigt. Damals beauftragte das Parlament die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras damit, Reparationen von Deutschland zu fordern. Tsipras hatte erklärt, nach dem Ende der Hilfsprogramme für das pleitebedrohte Land sei nun der richtige Augenblick. Es sei ihm wichtig, mit Deutschland auf Augenhöhe und freundschaftlich zusammenzukommen.

 Auch Forderungen wegen des Ersten Weltkrieges

Deutschland sieht das Thema als erledigt an; die Regierung in Berlin stützt sich dabei auf den 1990 zur deutschen Wiedervereinigung unterzeichneten Zwei-plus-Vier-Vertrag. Ein Parlamentsausschuss in Athen bezifferte im vergangenen Jahr die Summe, die Deutschland Griechenland schulden soll, auf mindestens 270 Milliarden Euro. Diese Forderung soll Reparationen für Schäden und Plünderungen während des Ersten Weltkrieges sowie für Massaker und einen Zwangskredit während des Zweiten Weltkriegs abdecken. Das griechische Parlament verabschiedete im April mit breiter Mehrheit eine Resolution, mit der die Zahlung der Reparationen gefordert wurde. Nach einer amtlichen griechischen Schätzung könnten zu den Reparationsforderungen des Staates weitere private Forderungen im Umfang von 107 Milliarden Euro kommen.

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras machte die Reparationsforderungen gegenüber Deutschland bereits 2015 zum Wahlkampfthema. In den vergangenen Jahren, als Tsipras mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) intensive Verhandlungen über die griechische Finanz- und über die Flüchtlingskrise führte, trat das Reparations-Thema in den Hintergrund. Tsipras erlitt zuletzt bei den Europa- und bei Kommunalwahlen schwere Rückschläge. Für den 7. Juli sind in Griechenland vorgezogene Parlamentswahlen angesetzt. Tsipras' linke Syriza-Partei muss laut Umfragen mit Stimmeneinbußen rechnen.

"Abschließend geregelt"

Merkel erkannte die historische Verantwortung Deutschlands für in Griechenland begangenes Unrecht während der Nazizeit bei einem Besuch im Jänner an. Angesichts der Reparationsforderungen des griechischen Parlaments sagte Regierungssprecher Steffen Seibert jedoch Mitte April, in dieser Frage habe sich an der Haltung der deutschen Bundesregierung nichts geändert, sie betrachte das Thema als "juristisch wie politisch abschließend geregelt". Deutsche Truppen hatten auch in Griechenland Verbrechen begangen. So töteten SS-Polizeieinheiten am 10. Juni 1944, kurz nach der Landung der alliierten Truppen in der Normandie, im "Massaker von Distomo" rund 1800 Bewohner eines Dorfes. Es waren vor allem alte Menschen, Frauen und Kinder. (apa/dpa/afp)