Zunächst schlägt der Europäische Rat, also die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten, einen Kandidaten für den Posten des Kommissionschefs vor: Mindestens 21 der 28 EU-Länder müssen hinter ihm stehen. Das Europaparlament muss den Kandidaten dann noch mit einfacher Mehrheit bestätigen - das sind mindestens 376 Abgeordnete.

Neben dem Kommissionschef müssen auch die Ämter des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), des Ratspräsidenten, des EU-Außenbeauftragten und des Präsidenten des Europaparlaments neu besetzt werden. Die deutsche CDU hätte gern Bundesbank-Chef Jens Weidmann an der Spitze der EZB. Wird der Volkswirt Nachfolger Mario Draghis, dann hat kein zweiter Deutscher Chancen auf den Posten des Kommissionschefs.

Denkbar ist deshalb auch, dass die EVP noch einen Alternativkandidaten präsentiert, der nicht aus Deutschland kommt. Offiziell halten die Konservativen zwar an Weber fest, doch Michel Barnier ist jederzeit bereit zum Sprung ins Rampenlicht. Der EU-Chefverhandler für den Brexit hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht - und die verbleibenden 27 Mitgliedstaaten im Streit mit London um den Brexit zusammengehalten. Gegen ihn könnte wohl auch Emmanuel Macron nicht viel sagen - immerhin ist Barnier Franzose.

Noch lieber sähe Frankreichs Präsident aber Alde-Kandidatin Vestager an der Spitze der EU-Kommission. Um Weber als deren Chef zu verhindern, hat sich Macron mit den Liberalen im Europaparlament zu einer Mitte-Links-Bewegung zusammengetan. Auch der spanische Premier Pedro Sanchez hat sich dieser proeuropäischen Allianz angeschlossen.

Liberale und Sozialdemokraten haben die Mehrheit im Rat

Im Rat haben die Liberalen die meisten Vertreter, gemeinsam mit den Sozialdemokraten stellen sie 15 von 28 Regierungschefs. Lediglich acht Mitgliedstaaten werden von Konservativen angeführt. Damit schwinden Webers Chancen.

Bindend ist das Konzept der Spitzenkandidaten ohnehin nicht, zum Einsatz kam es bisher nur ein Mal: Nach den Europawahlen von 2014 wurde EVP-Spitzenkandidat Juncker Kommissionschef, der Zweitplatzierte, Sozialdemokrat Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments. Mit der Idee der Spitzenkandidaten wollten die Abgeordneten die EU demokratischer gestalten - und dem Gefühl vieler EU-Bürger entgegenwirken, dass wichtige Entscheidungen in Brüsseler Hinterzimmern getroffen werden.

Verfahren hinter verschlossenen Türen

Auch der scheidende Kommissionschef verteidigt das Spitzenkandidatenprinzip als "winzigen demokratischen Fortschritt", der nicht zurückgedreht werden dürfe. Nun drohe wieder ein Verfahren hinter verschlossenen Türen, warnte Juncker am Dienstag im Interview mit der Nachrichtenplattform "Politico": "Man läuft jetzt Gefahr, wieder in die Zeiten der Dunkelkammer zurückzukehren, wo die Regierungschefs untereinander besprechen, wer das werden soll."

Dass der Spitzenkandidaten-Prozess "eine Wiedergeburt erlebt", wie Juncker hofft, ist unwahrscheinlich. Kaum waren die Europawahlen geschlagen, trafen sich die Regierungschefs, um über die Besetzung der Spitzenposten zu beraten.

Bereits beim Gipfel kommende Woche könnten sie einen Kandidaten vorschlagen. Gut möglich, dass es am Ende jemand wird, über den bisher niemand offen spekuliert hat. Es wäre nicht das erste Mal, dass im letzten Moment ein Kompromisskandidat auftaucht, mit dem keiner gerechnet hat.