Budapest. Als Márton Bene geboren wurde, schrieb man das Jahr 1989 und in Ungarn standen alle Zeichen auf Befreiung von den letzten Resten geistiger Bevormundung durch die kommunistische Diktatur.

Für den jungen Politologen, der in wenigen Tagen 30 Jahre alt wird, ist die Welt der Wissenschaft in seinem Land zu einem Unsicherheitsfaktor geworden, weil die Regierung von Viktor Orbán die politische Kontrolle über seinen Arbeitgeber, die 200 Jahre alte Akademie der Wissenschaften übernehmen will. Demnächst dürfte das Parlament ein Gesetz beschließen, das alle Forschungsinstitute dem Dach der Akademie entzieht und dem von der Regierung beaufsichtigten neuen Eötvös-Loránd-Netzwerk unterstellt. Akademie-Präsident László Lovász schlug am Mittwoch auf einer internationalen Pressekonferenz Alarm und prangerte eine Gefahr für die Freiheit der Wissenschaft an. Lovász blieb aber bei Nachfragen über die dahinter steckenden Motive der Regierung vorsichtig.

Masse statt Klasse: Publikation oder Schmarotzer

"Alle meine 30 Kollegen im Institut sind verunsichert, keiner weiß, was nach der Gesetzesänderung mit ihnen passieren wird", sagte der Jung-Politologe Bene der "Wiener Zeitung". Bene selbst kämpft seit einem Jahr vor Gericht gegen die regierungsnahe Zeitschrift "Figyelö" um seinen guten Ruf. Diese hatte ihn im vergangenen Frühjahr auf eine Liste mit Wissenschaftern gesetzt, die ihrer Meinung nach zu wenig publizieren und damit - so wird suggeriert - als Schmarotzer auf Kosten des Steuerzahlers leben. Dass Bene in seiner noch kurzen Laufbahn immerhin auch international publiziert hat und - was in dieser Szene wichtig ist - schon 85 Mal von Kollegen in deren Arbeiten zitiert wurde, interessierte "Figyelö" nicht. Freilich sind auch Benes Themen genau das, was Orbán und seine Kulturfunktionäre in Ungarn nicht gerne sehen: Er forscht und publiziert hauptsächlich zum Einfluss der Medien und sozialen Netzwerke auf das Wahlverhalten. Falls die Zustände an der Akademie unhaltbar werden, sieht Bene keine Chancen mehr für ihn in der Politologie-Forschung in Ungarn. Er würde dann wohl einen Job im Ausland suchen und, wie er meint, wahrscheinlich als kommerzieller Berater bei einem Konzern landen. Weit weg von der Wissenschaft.

Ungarns Regierung hatte die Akademie vor genau einem Jahr mit den Reformplänen überrumpelt, berichtete Präsident Lovász. Eine E-Mail kam von der Regierung, der Akademie wurden genau 45 Minuten Zeit zur Reaktion gegeben.