Gracanica ist nämlich eine serbische Enklave; von den mehr als 20.000 Einwohnern sind lediglich an die sechs Prozent albanisch. Im gesamten Kosovo machen Serben allerdings eine Minderheit aus: Unter den rund 1,9 Millionen Bürgern sind es derzeit etwas mehr als 100.000 Menschen. Die meisten von ihnen leben im Norden und Süden des Landes. Finanzielle Unterstützung gibt es aus Belgrad; das Bildungs- und das Gesundheitswesen sind nach dem serbischen System ausgerichtet.

Serbien hat die Unabhängigkeit, die seine ehemalige Provinz 2008 ausgerufen hat, bis heute nicht akzeptiert, die Beziehungen zwischen Belgrad und Prishtina haben sich immer noch nicht normalisiert. Genau dazu sollte aber der so genannte Dialog führen, den die zwei Nachbarländer seit Jahren unter EU-Vermittlung in Brüssel führen. Doch die Verhandlungen liegen auf Eis.

Ihre Wiederaufnahme ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Der Kosovo sorgte für zusätzlichen Unmut in Serbien, als er Ende des Vorjahres Importzölle auf Waren von dort einführte. Zuvor hatte Belgrad die Mitgliedschaft des Nachbarn in der internationalen Polizeiorganisation Interpol verhindert. Die Abgaben für die Ausfuhr sollen der serbischen Wirtschaft in wenigen Monaten 90 Millionen Euro an Einbußen beschert haben.

"Nun trägt auch Serbien die Kosten für Verzögerungen bei unseren Verhandlungen", erklärt der kosovarische Ministerpräsident Ramush Haradinaj im Gespräch mit Journalisten. "Es hat uns zwanzig Jahre lang isoliert, uns und unsere Produkte nicht anerkannt." Die Verhängung der Zölle sei der "letzte Ausweg zur Selbstverteidigung" gewesen.

Dass Prishtina die Strafmaßnahmen bald aufhebt, zeichnet sich derzeit nicht ab. "Wir sind daran interessiert, die Situation aufzulösen", betont Haradinaj zwar. Aber die Serben müssten auch etwas dafür tun - am besten den Kosovo als Staat anerkennen.

Das wiederum scheint in naher Zukunft unwahrscheinlich. Belgrad pocht zunächst einmal auf die Aufhebung der Zölle.

Mangel an Perspektiven

Naim Rashiti folgert: "Die politischen Eliten in Serbien und im Kosovo wollen den Dialog nicht." Beide Seiten fürchten nämlich die Kompromisse, die für eine Annäherung nötig wären, sagt der Leiter der Denkfabrik BPRG (Balkans Policy Research Group) der "Wiener Zeitung". Auch die internationale Gemeinschaft könnte bald die Geduld verlieren - dann könnte es Jahre dauern, bis wieder Gespräche aufgenommen werden.

"Die Zeit arbeitet nicht für den Kosovo", warnt Rashiti. Das Land stecke in der Bredouille: Die Staatenbildung gehe nur langsam voran, es gibt keine Aussicht auf ein Abkommen mit Serbien, die Annäherung an die EU stockt, Visafreiheit bei Reisen in die Union gibt es noch immer nicht, Menschen wollen mangels Perspektiven in ihrer Heimat weg von dort.

Der Kosovo ist ein junger Staat: Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung ist nicht älter als 35 Jahre. Doch die Arbeitslosenzahl liegt bei 30 Prozent, das Durchschnittsgehalt gerade einmal bei 500 Euro, die Auslandsinvestitionen gehen zurück. Dabei müssten jedes Jahr neue Jobs geschaffen werden, da 25.000 junge Menschen den Arbeitsmarkt betreten.