London/Wien. Im Rennen um die Nachfolge der britischen Premierministerin Theresa May hat der Brexit-Hardliner Boris Johnson seinen Favoritenstatus untermauert. Bei der Wahl eines neuen Vorsitzenden der Konservativen Partei stimmten am Donnerstag in der ersten Runde 114 von 313 Abgeordnete für den ehemaligen Londoner Bürgermeister. Johnson schnitt damit deutlich besser ab als seine neun Konkurrenten. Der nächste Wahlgang ist für Dienstag geplant. Abgestimmt wird so lange, bis nur noch zwei Kandidaten übrig bleiben. Am Ende bestimmt die Tory-Basis den Sieger in einer Stichwahl. Er übernimmt neben dem Tory-Vorsitz auch den Posten des Regierungschefs. Voraussichtlich Ende Juli dürfte es soweit sein. May hatte angesichts des großen Widerstands gegen ihre Brexit-Politik ihren Rücktritt angekündigt.

Deutlich abgeschlagen auf Platz zwei folgte Außenminister Jeremy Hunt mit 43 Stimmen, wie der für die Wahl zuständige Tory-Ausschuss 1922 mitteilte. Umweltminister Michael Gove lag mit 37 Stimmen auf Platz drei vor Ex-Brexit-Minister Dominic Raab (27). Drei der insgesamt zehn Bewerber schieden aus dem Rennen aus, darunter die ehemalige Unterhaus-Vorsitzende Andrea Leadsom. Frauen sind damit keine mehr im Rennen.

Moderate Tories wollen Johnson verhindern

Johnson gilt zwar schon länger als Favorit im Rennen um den Tory-Vorsitz. Doch das Ergebnis von Donnerstag dürfte selbst ihn überrascht haben.

Dass der 54-Jährige Premier des Vereinigten Königreichs wird, ist dennoch alles andere als sicher. Denn es ist schwer vorherzusehen, wie sich die Dynamik innerhalb der Tory-Fraktion entwickelt. Moderate Konservative werden nun wohl versuchen, ihre Kräfte zu bündeln, um Johnson zu verhindern. Der ehemalige Außenminister polarisiert, er gilt als unberechenbar und hat zahlreiche Skandale hinter sich. Viele halten ihn deshalb für nicht geeignet, das Amt zu übernehmen.

Im Jahr 2016 war er daran gescheitert, am Ende wurde May Premierministerin. Doch diesmal scheint sich Johnson besser vorbereitet zu haben. Die vergangenen Wochen nutzte er, um Abgeordnete von sich zu überzeugen. Johnsons Botschaft: Die Konservativen müssten den Brexit rasch durchziehen, um zu überleben und einen Sieg der oppositionellen Labour-Partei bei den nächsten Wahlen zu verhindern.

Johnson will den EU-Austritt zur Not auch ohne Abkommen mit Brüssel durchziehen, doch das Parlament hat sich mehrheitlich gegen einen solchen No-Deal-Brexit ausgesprochen. Das Abkommen nachzuverhandeln, wie Johnson das will, lehnt die EU ab. Wie der Tory-Favorit, einmal Premier, diesen Patt lösen würde, ist nach wie vor unklar. (reu/sig)