Brüssel. (dpa) Die Europawahlen sind geschlagen, doch ein wichtiger Machtkampf hat damit erst begonnen: Im Strategiespiel um die Spitzenposten in der EU haben die Verhandlungen zwischen den vier proeuropäischen Fraktionen im Europaparlament begonnen. In fünf Arbeitsgruppen loten rund 40 Abgeordnete der Europäischen Volkspartei (EVP), der Sozialdemokraten, der Liberalen und der Grünen seit dieser Woche inhaltliche Gemeinsamkeiten auf mehreren Politikfeldern aus.

Daraus könnte eine Art Fahrplan entstehen, der der nächsten EU-Kommission mit auf den Weg gegeben wird. Bis Montag wollen die Abgeordneten zu Ergebnissen kommen, die die Fraktionschefs dann festzurren sollen.

Anschließend könnte sich das Parlament zudem mehrheitlich auf einen Kandidaten für den Posten des EU-Kommissionspräsidenten einigen. Damit würden die Staats- und Regierungschefs unter Druck gesetzt, die bis zum EU-Gipfel am 20. und 21. Juni ein Personalpaket für diesen und andere Posten vorlegen wollen. EVP-Kreise dämpften die Erwartungen allerdings. Zunächst einmal gehe es um ein inhaltliches Mandat der EU-Kommission für die kommenden fünf Jahre, hieß es. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Kollegen haben das Vorschlagsrecht für den neuen Präsidenten der EU-Kommission, das Parlament muss zustimmen.

Komplexes Personalpaket

Als Spitzenkandidat der stärksten Fraktion im Parlament erhebt CSU-Vize Manfred Weber Anspruch auf die Nachfolge Jean-Claude Junckers als Kommissionschef. EVP und Sozialdemokraten kommen jedoch erstmals nicht mehr auf eine gemeinsame Mehrheit - und wollen mit Liberalen und Grünen eine Art Koalitionsvereinbarung aushandeln. Sozialdemokraten und Liberale haben allerdings eigene Bewerber für den Posten - die EU-Kommissare Frans Timmermans und Margrethe Vestager. Im Europäischen Rat stellen sich vor allem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und andere Liberale gegen Weber.

Die Arbeitsgruppen im Parlament verhandeln über Umweltfragen, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Digitalisierung, Rechtsstaatlichkeit und Europas Rolle in der Welt. "Solche Verhandlungen sind für das Europäische Parlament ein Novum. Damit zeigen wir als Abgeordnete auch gegenüber den Staats- und Regierungschefs, dass wir nicht einfach einen Kommissionspräsidenten oder -präsidentin abnicken werden", sagte Grünen-Verhandler Sven Giegold.

Auf der Suche nach einer Lösung setzte auch EU-Ratschef Donald Tusk seine Gespräche fort und traf sich mit Weber, der EVP-Fraktionschef ist. Am Mittwoch hatte Tusk den bisherigen Vorsitzenden der sozialdemokratischen Fraktion Udo Bullmann sowie Vertreter der neuen liberalen Gruppe Renew Europe empfangen. Tusk war von den Staats- und Regierungschefs damit beauftragt worden, ein Personalpaket auf die Beine zu stellen, das Herkunft, Geschlecht, Parteizugehörigkeit und Alter berücksichtigt. Neben der Juncker-Nachfolge müssen auch die Posten des Ratspräsidenten, der Außenbeauftragten, des Parlamentspräsidenten sowie des EZB-Chefs neu besetzt werden.

Neue liberale Fraktion

Bei der neuen liberalen Gruppe Renew Europe gab es am Donnerstag bereits die erste Überraschung: Nathalie Loiseau von Macrons Partei La Republique En Marche will doch nicht Fraktionschefin werden. Eine Rolle bei ihrer Entscheidung habe die Berichterstattung über ein vertrauliches Hintergrundgespräch gespielt. Darin hatte sich Loiseau laut Medien despektierlich über Konkurrenten sowie über Weber geäußert.