London. Zehn Kandidaten waren am 13. Juni angetreten, um nächster Parteichef der britischen Tories zu werden – im fünften Wahlgang am Donnerstagabend blieben nun zwei für die Stichwahl übrig: der haushohe Favorit, Ex-Außenminister Boris Johnson, der in allen fünf Wahlgängen unter den Abgeordneten jeweils die meisten Stimmen bekam (zuletzt 160), und der aktuelle Außenminister Jeremy Hunt, der sich mit 77 Stimmen nur knapp gegen den dritten verbliebenen Kandidaten, Umweltminister Michael Gove (75 Stimmen) durchsetzte.

Der Ball liegt nun bei den Parteimitgliedern, die mittels Urabstimmung per Briefwahl bis Ende Juli entscheiden, wer die Führung der Tories künftig übernimmt – und damit auch Theresa May als britischer Regierungschef beerbt. Umfragen zufolge ist Johnson auch an der Basis unangefochtener Spitzenreiter. Ihm wird zugetraut, Brexit-Wähler, die sich von den Konservativen abgewendet haben, wieder zurückzugewinnen. Johnson war einer der Wortführer für den EU-Austritt vor der Volksabstimmung vor drei Jahren. Die Briten hatten sich am 23. Juni 2016 mit knapper Mehrheit für die Trennung von der EU ausgesprochen. Auch Gove gehörte zu den Gesichtern der Brexit-Kampagne. Hunt hatte sich damals für einen Verbleib in der Staatengemeinschaft eingesetzt, änderte seine Meinung aber später. Viele glauben, dass er sich damit schon für die May-Nachfolge in Position bringen wollte. Als Außenminister gelang es ihm, die europäischen Verbündeten mit ähnlich provokativen Äußerungen gegen sich aufzubringen wie sein Vorgänger Boris Johnson.

Außenminister Jeremy Hunt (Bild) setzte sich nur knapp gegen Umweltminister Michael Gove durch. - © Apaweb / Reuters / Simon Dawson
Außenminister Jeremy Hunt (Bild) setzte sich nur knapp gegen Umweltminister Michael Gove durch. - © Apaweb / Reuters / Simon Dawson

Warnung vor Brexit ohne Abkommen

Doch der Austritt musste zwei Mal verschoben werden, weil sich im Parlament keine Mehrheit für das von Premierministerin Theresa May mit Brüssel ausgehandelte Brexit-Abkommen fand. Die Frist für die Loslösung von der EU wurde inzwischen bis 31. Oktober verlängert.

Finanzminister Philip Hammond warnte die verbliebenen Kandidaten eindringlich vor einem Brexit ohne Abkommen. Ein ungeregelter EU-Austritt würde die Wirtschaft schädigen, Milliarden Pfund Steuergelder kosten und könnte ein Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreichs auslösen, sagte Hammond laut einem im Voraus verbreiteten Redetext am Donnerstag in London.

Dies könnte auch dem Labour-Oppositionschef Jeremy Corbyn bei Wahlen den Weg in die Downing Street ebnen, warnte der EU-freundliche Hammond. Die Kandidaten für Mays Nachfolge als Tory-Chef und damit auch als Premierminister müssten daher einen "Plan B" vorlegen.

Johnson hatte angekündigt, den Brexit-Deal nachverhandeln zu wollen - Brüssel hat das aber kategorisch ausgeschlossen. Er hatte auch gedroht, die vereinbarte Schlussrechnung für den EU-Ausstieg in Höhe von 39 Milliarden Pfund (43,81 Mrd. Euro) nicht zu bezahlen. Bei der Schlussrechnung handelt es sich unter anderem um langfristige Lasten wie Pensionszahlungen für EU-Beamte. Auch eine erhebliche Senkung der Einkommenssteuer für gut verdienende Briten stellte Johnson im Falle seiner Wahl in Aussicht. (apa, dpa, Reuters, afp)