Was er nicht hat - und auch nie hatte -, ist der Bolzenschneider, mit dem Mock und Horn damals den Zaun durchschnitten und den angeblich Holzner mitgebracht haben soll. "Das ist ein absoluter Blödsinn", sagt er dazu. "Das waren zwei große und zwei kleine Bolzenschneider, die das österreichische oder das ungarische Außenamt besorgt hatte. Mit der Organisation hatte ich nichts zu tun." Einzig in die Choreografie mischte er sich ein: "Ursprünglich sollte von der österreichischen Seite aus in Richtung Ungarn geschnitten werden. Da habe ich gesagt, das kommt überhaupt nicht in Frage, das muss umgekehrt sein." Sein Motiv war dabei gar kein politisches, sondern ein rein fotografisches: "Ich hätte nämlich sonst extrem störendes Gegenlicht gehabt. Aber wenn ich das den Politikern so gesagt hätte . . ."

Zum Hintergrund der Demontage des Eisernen Vorhangs in Ungarn sagt Holzner: "Die hatten ganz einfach kein Geld mehr, um den Zaun instand zu halten. Und Michail Gorbatschow hat ihnen keines gegeben, weil er auch nichts mehr hatte." Ungarns Ministerpräsident Miklós Németh habe damals den sowjetischen Staats- und Parteichef sehr wohl darüber informiert, "aber eher so en passant, genauso wie die Ungarn 1988 ihren Bürgern Pässe ausgestellt haben, ohne Begründung - wer reisen wollte, konnte reisen". Der Ausdruck "Gulasch-Kommunismus" beschreibe das ganz gut: "Zwei Schritte vor, einer zurück, dann wieder zwei vor . . ." Der Eiserne Vorhang sei in Ungarns Bereich damals schon weniger schwer bewacht gewesen als andernorts: "Die Minenfelder waren großflächig aufgeräumt, auch die Selbstschussanlagen waren schon wieder weg. Und es ist ständig irgendein Alarm losgegangen, weil das System so marod war."

Die Aktion vom 27. Juni 1989 schlug jedenfalls sofort hohe Wellen bei jenen Ostdeutschen, die Westfernsehen empfangen konnten. "Hunderte oder gar Tausende - so genau kennt man die Zahlen nicht - haben sich noch in der Nacht ins Auto gesetzt und sind nach Ungarn abgehauen. Am Anfang haben die Grenzpolizisten noch die Pässe kontrolliert, aber irgendwann nach Mitternacht haben sie aufgegeben. Es war ihnen einfach wurscht." Dazu muss man wissen, dass Ungarn das klassische Urlaubsland der DDR-Bürger war, die ohne Sondergenehmigung an den Plattensee fahren konnten - aber nur in den Sommermonaten. "Wäre das Ganze im September passiert, hätte es vielleicht gar keine Reaktion ausgelöst, weil die DDR-Flüchtlinge schon an der tschechischen Grenze gescheitert wären. Wahrscheinlich wäre auch die Berliner Mauer nicht so schnell gefallen." So aber brach der gesamte Ostblock binnen sechs Monaten zusammen - und zwar mehr oder weniger unblutig, bis auf die Erschießung des rumänischen Diktators Nicolae Ceaucescu am 25. Dezember 1989 als finalen Akt.

Es war freilich nicht so, dass die Grenze ab 27. Juni 1989 nicht mehr bewacht gewesen wäre. "Ich habe einen Ostdeutschen getroffen, der acht- oder neunmal zurückgeschickt worden war, bevor er es geschafft hat." Allerdings war das Auslieferungsabkommen für Flüchtlinge aus dem Ostblock schon seit dem Frühjahr mit dem Beitritt Ungarns zur Europäischen Menschenrechtskonvention erledigt. "Damit durften die Ungarn keine Ostdeutschen mehr zurück in die DDR abschieben, haben sie selbst argumentiert." Holzner weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Revolution in Ungarn von oben erfolgte. "Ich kenne nur zwei Länder auf der Welt, wo die Regierung von sich aus die Demokratie eingeführt hat: Bhutan und Ungarn." Ungarn wusste freilich damals nicht, wie der Kreml auf die Öffnung reagieren würde, angesichts des Drucks aus den anderen kommunistischen Ländern, die Grenzen dichtzuhalten.