Rom. Im Tauziehen um die 42 Migranten an Bord des Rettungsschiffes "Sea-Watch 3", das seit mehr als zwei Wochen im Mittelmeer vergeblich auf eine Landeerlaubnis wartet und seit Mittwoch vor der süditalienischen Insel Lampedusa liegt, schaltet sich die EU ein. "Wir prüfen, welche EU-Mitgliedstaaten zur Aufnahme der Migranten bereit sind", sagte eine Sprecherin der EU-Kommission am Donnerstag.

Seit Mittwoch befindet sich das Schiff in italienischen Gewässern vor Lampedusa, aber die italienischen Behörden haben das Schiff gestoppt und verhindern ein Anlegen. Die Situation an Bord ist laut der deutschen Hilfsorganisation dramatisch. "Wir haben eine Nacht gewartet, wir können keine weitere warten. Die Verzweiflung von Menschen ist nichts womit man spielt", schrieb die NGO auf Twitter. Die Hilfsorganisation reichte am Donnerstag eine Klage bei der Staatsanwaltschaft der sizilianischen Stadt Agrigent ein und forderte die sofortige Landung der Migranten aus humanitären Gründen.

Die Evangelischen Kirchen in Italien erklärten sich am Donnerstag bereit, für die Versorgung der Migranten aufzukommen. Auch der Bischof der norditalienischen Stadt Turin, Cesare Nosiglia, betonte, die Diözese wolle die 42 Migranten aufnehmen.

 Innenminister fordert Festnahme der Crew

Italiens Innenminister Matteo Salvini hat unterdessen die Festnahme der Crew gefordert. "An Bord befinden sich Personen, die die Gesetze Italiens verletzen, in erster Linie die Kapitänin. Wenn das Schiff konfisziert und die Crew festgenommen wird, bin ich froh", sagte Salvini am Donnerstag in einem Radiointerview.

"Wir können in Italien nicht alle landen lassen. Die Gesetze eines Landes sind ernst zu nehmen. Die Personen an Bord der 'Sea Watch' sind keine Schiffbrüchige, sondern Menschen, die 3.000 Dollar bezahlen, um ihr Land zu verlassen. Ich erlaube nicht, dass ausländische private Vereine die Einwanderungspolitik eines Landes mit seinen Gesetzen, Rechten und Würde bestimmen", so Salvini.

Der Rechtspopulist lobte einmal mehr die Ergebnisse seiner Politik der geschlossenen Grenzen: Gegenüber dem Vergleichszeitraum 2018 sei die Zahl der Migrantenankünfte in diesem Jahr in Italien um 90 Prozent zurückgegangen. Die Zahl der Toten und Vermissten im Mittelmeer habe sich halbiert. Nur noch 65.000 Ausländer würden von Italien in Flüchtlingseinrichtungen versorgt, so Salvini.

Beihilfe zur Schlepperei

Der deutschen Kapitänin Carola Rackete, die am Mittwoch trotz des italienischen Verbots die "Sea Watch 3" Lampedusa angesteuert hatte, drohen laut italienischen Medien 15 Jahre Haft wegen Beihilfe zur Schlepperei. Ihr droht außerdem eine Geldstrafe von 50.000 Euro und die Konfiszierung des Schiffes. Die NGO Sea Watch hat in den vergangenen Tagen über Facebook 65.000 Euro für die Anwaltskosten gesammelt.

Das Schiff befindet sich weiter einige Kilometer vor der Insel Lampedusa, wo es am Mittwoch von der italienischen Polizei gestoppt wurde. Am Donnerstag machte sich die spanische Hilfsorganisation Proactiva Open Arms mit ihrem Schiff wieder auf den Weg in die Rettungszone vor Libyen.

Unterdessen steuerten am Donnerstag mehrere kleine Flüchtlingsboote auf Italien zu. Ein Boot mit zehn tunesischen Migranten landete direkt auf Lampedusa. Zwei weitere Migrantenboote wurden unweit von Malta gesichtet. Laut Salvini steuern sie ebenfalls auf Italien zu. "Wir wollen auch das Phänomen der kleineren Boote, die nach Italien gelangen, bekämpfen", so der Innenminister, der sich besonders dem Kampf gegen private Hilfsorganisationen wie die deutsche Sea Watch verschrieben hat.

Humanitäre Organisationen warfen Salvini "Unmenschlichkeit" vor. Aktivisten von Menschenrechtsorganisationen verbrachten bereits die zweite Nacht auf dem Platz vor der Kirche Lampedusas, um ihre Solidarität mit den Migranten an Bord der "Sea Watch 3" auszudrücken.

Salvini: "Heldin der Linken"

"Die Schiffskapitänin, Heldin der Linken, soll ehrenamtlich in Deutschland helfen, statt 42 Menschen zwei Wochen lang als Geiseln zu nehmen", sagte Salvini in einem TV-Interview am Mittwochabend. Der Kapitänin droht in Italien eine Geldstrafe von 50.000 Euro und eine Klage wegen Beihilfe zur Schlepperei. Das Schiff soll konfisziert werden.

"Lampedusa braucht zahlende Touristen, nicht illegale Migranten"

Wie es mit den Migranten an Bord der "SeaWatch 3" weitergehen soll, ist fraglich. Salvini machte Druck auf die deutsche und die niederländische Regierung zur Aufnahme der Migranten. Das Schiff der deutschen NGO "Sea Watch" ist unter niederländischer Flagge unterwegs. Er erwarte sich von Europa eine Lösung, sagte Salvini auf Facebook. "Lampedusa braucht zahlende Touristen, nicht illegale Migranten, die Italien versorgen muss", sagte der Chef der rechten Regierungspartei Lega.

Die oppositionelle Demokratische Partei (PD) kündigte die Entsendung einiger Parlamentarier nach Lampedusa an. Sie sollen die Beachtung der Menschenrechte überwachen. Menschenrechtsorganisationen fordern die sofortige Ausschiffung der Migranten.

Indes trafen am frühen Donnerstag zehn Migranten an Bord eines Bootes auf Lampedusa ein. Bei ihnen handelt es sich um Tunesier, darunter eine Frau und ein Minderjähriger. Unzählige kleinere Migrantenboote sind zuletzt in Süditalien eingetroffen, während Italien weiterhin seine Politik der "geschlossenen Häfen" für private Rettungsschiffe betreibt.

Sea Watch: "Können keine weitere Nacht warten"

Die Crew des Rettungsschiffes hat die sofortige Landeerlaubnis der Menschen an Bord gefordert. "Wir haben eine Nacht gewartet, wir können keine weitere warten. Die Verzweiflung von Menschen ist nichts womit man spielt", so die NGO "Sea Watch 3" auf Twitter. (apa)