Slowjansk. Schleifend ziehen die Tänzer ihre Schuhspitzen über den polierten Boden, dann wiegen sie die Hüften und drehen sich vor den großen Spiegeln. Aus den Boxen dröhnt ein HipHop-Song und Oleksiy Ovchynnykov, ein sportlicher 40-Jähriger in Jogginghose, zählt auf Russisch den Takt. Er läuft an den Mädchen vorbei, die Absätze und kurze schwarze Kleider tragen und korrigiert ihre Haltung. Für einen Buben in T-Shirt und Stoffhose wiederholt er den Schlenker mit dem Bein.

Neunzehn Schüler zwischen zwölf und achtzehn Jahren trainiert Ovchynnykov drei Stunden täglich. Er ist der Leiter der Tanzschule Grazia in der ostukrainischen 114.000-Einwohner-Stadt Slowjansk. 60 Kilometer von hier entfernt führt die Ukraine Krieg gegen prorussische Separatisten. Laut den Vereinten Nationen sind bereits mehr als 13.000 Menschen gestorben, 30.000 wurden verletzt und 1,5 Millionen flohen in die restlichen Gebiete des Landes. "Wir tanzen trotzdem weiter", sagt Ovchynnykov.

Nur der Sockel blieb von Lenin

Daran, dass vor fünf Jahren der Krieg in Slowjansk tobte, erinnern heute nur einige zerstörte Häuser außerhalb der Stadt. Im Zentrum haben kleine Cafés, Friseur- und Kosmetikläden neu eröffnet, davor parken Autos, ältere Modelle, viele Ladas. Auf dem Hauptplatz führt ein Mann ein Pony an staunenden Kindern vorbei, gleich daneben sitzen, rauchen und skaten an sonnigen Tagen die Teenager. Die Lenin-Statue steht nicht mehr, nur der Sockel ist geblieben, daneben wehen die blau-gelben Flaggen der Ukraine. Und an einer alten baufälligen Häuserwand neben dem Platz steht das russische Wort "Mir". Es bedeutet sowohl "Welt" als auch "Frieden".

"Krieg ist surreal", sagt Ovchynnykov, "ich kann noch immer nicht glauben, dass das alles passiert ist." Er deutet den Tänzern, Paare zu bilden. Die jüngeren Mädchen streichen ihre Haarsträhnen schüchtern hinters Ohr, während die Buben starr an ihnen vorbeiblicken. Sie machen schnelle Schritte. Salsa, Rumba, Chachacha. "Ballroom Dance" nennt sich dieser Sport. Ovchynnykov tanzt seit seinem sechsten Lebensjahr. Die Tanzschule hat er 2005 von seiner Mutter übernommen.

Damals litt die 110.000-Einwohner-Stadt unter einer hohen Arbeits- und Ereignislosigkeit, eine typische postsowjetische Stadt, deren Bewohner in gesichtslosen, immer gleichen Plattenbauten wohnen. Die Menschen zogen eher weg als zu, und jene, die Eltern wurden, schickten ihre Kinder in die Tanzschule, weil es sonst kaum Sport-Angebote gab.