Brüssel. Sehr vielen Menschen ist die EU ein Herzensanliegen, nicht wenigen das genaue Gegenteil. Und immer, wenn zu viele Emotionen mit im Spiel sind, gewinnt die Leidenschaft die Oberhand und Gefühlswallungen verzerren den Blick auf die simple Wirklichkeit.

Weil wir Menschen allen Objekten unserer Begierden verlässlich mit heftigen inneren Schwankungen begegnen, gleicht das Gefühlsleben jedes passionierten Europäers einer wilden Achterbahnfahrt, die ihn beständig zwischen den Höhen des Olymps und den Tiefen des Hades pendeln lässt. Und das in immer kürzer werdenden Abständen. Wer erinnert sich etwa noch an den Mai 2017? Damals gewann Emmanuel Macron die Stichwahl um das Amt des französischen Staatspräsidenten gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen. Und er tat dies mit einem Plädoyer für eine Vertiefung der Europäischen Union auf den Lippen. Fortan war der ehemalige Minister einer sozialistischen Regierung ein Ritter in gleißend weißer Rüstung, gekommen um einem erstarrten Frankreich neues Leben und einer verunsicherten Union neue Tatkraft einzuhauchen.

Und heute? Zwei Jahre später erscheint derselbe Macron in einem ganz anderen Licht: Als ein abgehobener Staatschef, der gemeinsam mit den finsteren Visegrad-Vier rund um Ungarns Viktor Orbán dem brustschwachen Demokratisierungsversuch der EU den Todesstoß versetzt. Macron, der Erneuerer Europas, in einem Boot mit Orbán.

Macron: erst Retter,
jetzt Rechter

Dabei haben die neu gewählten Abgeordneten das Spitzenkandidatensystem ganz allein zu Fall gebracht. Einen Monat hatten die 751 Mandatare Zeit, sich entweder hinter Manfred Weber oder Frans Timmermans zu versammeln, den Spitzenkandidaten der Konservativen und der Sozialdemokraten bei der EU-Wahl. Das hätte den Spielraum der Staatschefs massiv eingeengt. Stattdessen spielten die Fraktionen lieber politische Spielchen miteinander. Der Rat sagte auf seine Art Danke und erteilte dem Parlament eine Lektion in Machtpolitik.

An Macron lässt sich die Achterbahnfahrt der europäischen Gefühle besonders gut nachzeichnen. Ihm gelingt das Kunststück, über gleich zwei politische Identitäten zu verfügen: Zu Hause wird er von seinen Kritikern als Vertreter einer neoliberalen Rechten gebrandmarkt, die den Sozialstaat zurückschraubt, in Brüssel gilt er als progressiver Liberaler, der die Integration der Union vorantreiben will; dass sich seine europäischen Ideen verlässlich an den Interessen Frankreichs orientieren, steht auf einem anderen Blatt.

Aber zurück zum Höllenritt der Gefühle. Was haben wir im Frühjahr gezittert vor dem Sturm der nationalistischen Barbaren auf Brüssel. Die EU-Wahl Ende Mai wurde zur Entscheidungsschlacht um Europas Zukunft ausgerufen. Am Wahlabend schlug dann das Stimmungspendel um: Das große Bangen war wie weggeblasen, dafür jubelten die Schlagzeilen über die höchste Wahlbeteiligung seit 20 Jahren, die deutliche Mehrheit pro-europäischer Kräfte und das Erstarken der Grünen im neuen EU-Parlament. Der vorhergesagte Sturmlauf der Nationalisten erwies sich als ein laues Lüfterl.