Berlin. Der deutsche Bundesinnenminister Horst Seehofer hat an Italien appelliert, seine Häfen für aus Seenot gerettete Flüchtlinge wieder zu öffnen. "Wir können es nicht verantworten, dass Schiffe mit geretteten Menschen an Bord wochenlang im Mittelmeer treiben, weil sie keinen Hafen finden", schrieb Seehofer am Samstag nach Angaben aus Regierungskreisen an seinen italienischen Amtskollegen Matteo Salvini.

"Ich appelliere daher eindringlich an Sie, dass Sie ihre Haltung, die italienischen Häfen nicht öffnen zu wollen, überdenken." Deutschland und Italien als Gründungsmitglieder der Europäischen Union müsse es gemeinsam gelingen, europäische Antworten auf die Herausforderung der Migrationslage im Mittelmeer zu finden.

Solidarische Verteilung

Benötigt werde ein funktionierender und tragfähiger Mechanismus für eine solidarische Verteilung der aus Seenot Geretteten, schrieb Seehofer. "Wegen unserer gemeinsamen europäischen Verantwortung und unseren gemeinsamen christlichen Werten darf es keinen Unterschied machen, durch welche Organisation die Rettung erfolgte, unter welcher Flagge das jeweilige Schiff fährt oder ob die Besatzung des Schiffes bzw. die NGO aus Deutschland, Italien oder einem anderen Mitgliedsstaat kommt."

Seehofer erklärte, er habe sich bereits am Freitag dazu bereit erklärt, einen großen Teil der Geretteten von der "Alan Kurdi" zu übernehmen, Auch bei der Verteilung der über 50 aus Seenot geretteten Personen auf dem Segelschiff "Alex" habe er bereits seine Unterstützung zugesagt. Er sei sich bewusst, welche Anstrengungen die italienische Regierung und welchen großen Beitrag das italienische Volk für die Lösung der Migrationslage und zur Verbesserung der humanitären Situation im Mittelmeer beigetragen habe und beitrage.

Die "Alan Kurdi" befindet sich derzeit vor der italienischen Insel Lampedusa in internationalen Gewässern, wie die dafür zuständige in Regensburg ansässige Hilfsorganisation Sea Eye mitteilte. Das Schiff habe 65 Menschen an Bord, die vor Libyen von einem Schlauchboot aus aufgenommen worden seien. Der Hafen von Lampedusa sei "zu". Ein entsprechendes Dekret von Italiens Innenminister Matteo Salvini sei der Besatzung des Schiffes überbracht worden. Die "Alexa" der italienischen Hilfsorganisation Mediterranea legte am Samstagabend hingegen in Lampedusa an. Salvini hatte die Besatzung aufgefordert, die 54 hauptsächlich afrikanischen Migranten nach Tunesien zu bringen.

Vor einer Woche hatte das von der deutschen Kapitänin Carola Rackete geführte Rettungsschiff "Sea Watch 3" mit Dutzenden Migranten an Bord gegen den Willen Salvinis in Lampedusa angelegt. Die Behörden stellten Rackete unter Hausarrest, den ein Gericht nach vier Tagen jedoch aufhob. Das Schiff wurde beschlagnahmt.

Salvini antwortete Seehofer: Absolutes Nein

Im Streit um die Aufnahme von im Mittelmeer geretteten Migranten hat der italienische Innenminister Matteo Salvini auf den Appell seines deutschen Amtskollegen Horst Seehofer, die italienischen Häfen für Rettungsschiffe zu öffnen, reagiert. "Die deutsche Regierung ruft mich auf, den Schiffen die italienischen Häfen zu öffnen? Absolutes Nein", so Salvini auf Facebook.

"Wir rufen die Regierung Merkel auf, Schiffen, die Schleppern helfen, die deutsche Flagge zu entziehen", fordert der Rechtspopulist seinerseits. Seehofer hatte Salvini zuvor aufgefordert, die Dauerkrise der Rettungsschiffe im Mittelmeer zu beenden. "Wir können es nicht verantworten, dass Schiffe mit geretteten Menschen an Bord wochenlang im Mittelmeer treiben, weil sie keinen Hafen finden", schrieb Seehofer am Samstag in einem Brief an Salvini.

Auf die Landung des Rettungsschiffes "Alex" auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa am Samstag reagierte Salvini empört. "Ich genehmige nicht die Landung", erklärte er. Der Crew des Schiffes der italienischen Hilfsorganisation Mediterranea warf er vor, die italienischen Gesetze zu verletzen und Komplizen der Schlepper zu sein. Auf die Drohung der NGO, der Innenminister könne wegen Personenentführung angezeigt werden, weil er die Migranten an Bord festhalte, antwortete Salvini: "Das ist einfach lächerlich".

Die "Alex" war am Samstag trotz eines Verbots mit 41 Migranten an Bord in den Hafen von Lampedusa eingelaufen, nachdem Gesundheits-und Hygienesituation die Situation an Bord des Segelbootes laut Besatzung unerträglich geworden war. Das deutsche Rettungsschiff "Alan Kurdi" mit 65 Geretteten wartete weiterhin außerhalb der italienischen Hoheitsgewässer vor Lampedusa auf Erlaubnis, in den Hafen einlaufen zu dürfen. Salvini hatte dies per Dekret untersagt.(apa/reuters)