London. Lange hat sich Jeremy Corbyn nicht festlegen lassen, doch seit Dienstag ist die Katze aus dem Sack: Der britische Labour-Chef unterstützt jetzt ein zweites Referendum über den Brexit. In der Zeitung "Daily Mail" erklärte Corbyn, dass es ein solches Referendum im Falle eines "No deal" geben sollte oder für "jeden Tory-Plan, die EU zu verlassen". In einem derartigen Fall würde Labour für einen Verbleib in der Europäischen Union eintreten.
Labour, so Corbyn, wolle verhindern, dass es zu einem zerstörerischen Tory-Deal komme.
Allerdings verriet der umstrittene Labour-Chef nicht, wie er sich verhalten würde, sollte er die nächsten Wahlen gewinnen, britischer Premier werden und damit die Verantwortung für den weiteren Verlauf des Austrittsprozesses übernehmen. Zahlreiche Labour-Granden drängen Corbyn, sich endlich klar für einen Verbleib in der Europäischen Union zu positionieren. Corbyn zählt allerdings zur alten britischen Linken, die traditionell ein sehr distanziertes bis ablehnendes Verhältnis zur EU hat.
Er machte zuletzt klar, dass man weiter an eine starke wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der EU glaube, an gemeinsame Umweltstandards und an Arbeitnehmer-Freizügigkeit.
Unterdessen hat die britische Regierung Ermittlungen gegen einen hochrangigen Verwaltungsbeamten eingeleitet, der sich laut "Times" über den Gesundheitszustand Corbyns geäußert hatte. Die Zeitung "The Times" hatte zuletzt einen ungenannten hochrangigen Staatsdiener mit den Worten zitiert, der Chef der Labour Party verliere sein Gedächtnis und sei "zu gebrechlich", um Premierminister zu werden.
Sollte ein Urheber dieser Äußerungen ausfindig gemacht werden, "werden wir Disziplinarmaßnahmen einleiten", sagte ein Regierungssprecher. Das Büro der Premierministerin nehme die Angelegenheit "extrem ernst". Corbyn forderte eine unabhängige Untersuchung. Der "Times"-Artikel habe "das Vertrauen in die grundsätzliche Neutralität des Beamtenapparats unterminiert", sagte der 70-Jährige, der zweifellos das Amt des Premierministers anstrebt.
Unterdessen sind es nur noch rund zwei Wochen, bis entschieden ist, wer nun tatsächlich die Nachfolge Theresa Mays als britischer Premier antritt. Nach einem komplizierten innerparteilichen Prozess sind nur noch der als Exzentriker bekannte, britische Ex-Außenminister Boris Johnson und der amtierende Außenminister Jeremy Hunt im Rennen. Beide sind am Dienstag in einer TV-Debatte aufeinandergetroffen, es ging um Ideen zum Brexit. Zu Redaktionsschluss war die Debatte noch nicht beendet.
Stimmzettel-Betrug?
Die Entscheidung über den neuen Vorsitzenden treffen die 160.000 Parteimitglieder. In der Woche des 22. Juli wird der Name des Siegers voraussichtlich bekanntgegeben. Er wird dann auch automatisch Regierungschef.
Zuletzt gab es Berichte, dass Parteimitglieder zwei Stimmzettel erhalten hätten, weil sie in zwei verschiedenen Bezirken registriert seien, hieß es in dem Bericht. Der BBC zufolge verweist die Partei auf die klare Vorschrift, dass Mitglieder, die mehrere Stimmzettel abgäben, von der Partei ausgeschlossen würden.