Das Dilemma mit
dem harten Brexit

Auch wenn Johnson bei der Debatte der schwächere Kandidat war: Schaden wird ihm das kaum. Die meisten der 160.000 Tory-Mitglieder haben ihre Entscheidung wohl längst getroffen.

Dass Johnson es nicht so ernst nimmt mit den Fakten, scheint sie nicht zu stören. "Es gibt nur einen Weg, das Land aus dem Hamsterrad des Verderbens zu holen und das ist der Brexit", sagte Johnson - und bediente damit einmal mehr das alte Narrativ, dass schon alles gut wird, sobald man sich aus den Fängen Brüssels befreit hat.

Wie genau der ehemalige Bürgermeister Londons das Land am 31. Oktober aus der EU führen will, ist zweitrangig. Darauf spielte auch Hunt an, als er meinte: "Als Premier muss man den Leuten sagen, was sie hören müssen und nicht, was sie hören wollen." Am schwersten wog der Vorwurf Hunts, Johnson stelle seine eigenen Ambitionen vor das Wohl des Landes. In vielen Fällen nachweislich richtig ist Hunts Kritik, Johnson antworte nicht auf konkrete Fragen. Weder gab es eine Antwort darauf, ob er zurücktreten würde, wenn er den Brexit am 31. Oktober nicht liefern könne, noch war Johnson in der Lage zu erklären, wie er das dreimal im Parlament gescheiterte Brexit-Abkommen mit der EU neu verhandeln will, obwohl Brüssel wieder und wieder klar gemacht hat, dass es keine Nachverhandlungen geben wird. Was will der Mann, wofür steht Johnson nun genau? Man weiß es auch nach der TV-Debatte nicht.

Sicher ist, dass Johnson, Superstar der Parteibasis, in einem Dilemma steckt. Stellt er das Parlament kalt, riskiert er eine Verfassungskrise. Schwenkt er um auf einen weichen Brexit, bringt er den rechten Flügel der Tories gegen sich auf - und die Basis, die mehrheitlich für einen sofortigen EU-Austritt ist. Johnson kann darauf hoffen, dass das Parlament tatsächlich die Führung im Brexit übernimmt. Er könnte dann auf einen pragmatischeren Kurs umschwenken, ohne sein Gesicht zu verlieren. In den Abgeordneten fände Johnson einen willkommenen Sündenbock - und könnte als Tory-Superstar weitermachen.