"Wiener Zeitung": Bei der Besetzung von Spitzenjobs in den EU-Institutionen wurden in der vergangenen Woche die ost- und mittelosteuropäischen Länder übergangen. Die Posten gingen an Deutschland, Frankreich, Spanien. Haben die jüngeren Mitgliedstaaten ihre Chance vertan?

Jacek Czaputowicz: Diese Länder sind nicht repräsentiert. Sie sollten es aber sein; dann gäbe es ein größeres geografisches Gleichgewicht. Es stimmt, dass nur die älteren EU-Staaten vertreten sind. Aber es ist gut, dass eine Einigung erzielt wurde. Die Nominierten sind erfahrene Personen. Es geht nicht nur um das geografische, sondern auch um das politische Gleichgewicht. Das wurde gewahrt. Es geht ebenso um die Einstellung zur künftigen Entwicklung der EU. Diese Personenkonstellation signalisiert ein Abrücken vom Föderalismus - durch die Ablehnung des Spitzenkandidaten-Prinzips. Gewonnen hat das zwischenstaatliche Prinzip.

Dass sich die Regierungen untereinander ausmachen, wer welches Amt übernimmt, wird im EU-Parlament als undemokratisch bezeichnet. Das wünscht sich eine andere Entwicklung der EU als zum Beispiel Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der einerseits gegen das Spitzenkandidaten-Modell war und andererseits für eine vertiefte Integration der EU plädiert.

Da fehlt es an Konsequenz. Wenn Macron eine Vertiefung der Integration, also eine Föderalisierung wollte, hätte er die Spitzenkandidaten-Idee unterstützt. Stattdessen hat er aber die Posten- und Aufgabenverteilung, wie sie erfolgt ist, gutgeheißen. Seine Rhetorik und die Fakten gehen auseinander.

Also doch keine Vertiefung? Entspricht das der Vision Polens?

Generell geht es in die Richtung, die wir uns wünschen. Ein wettbewerbsfähiges Europa, das sich wirtschaftlich entwickelt, auf einem Binnenmarkt und den vier Freiheiten für Waren-, Kapital- und Personenverkehr sowie für Dienstleistungen beruht. Dafür gibt es Bedrohungen durch gewisse protektionistische Tendenzen. Wir wollen ein wirtschaftlich konkurrenzfähiges Europa, das aber geschwächt wird, wenn die Wettbewerbsfähigkeit eingeschränkt wird.

Sprechen Sie die Debatte um die Entsendung von Arbeitern an?

Ja, das sehen wir als ein Beispiel von Protektionismus an. Die - westeuropäischen - Staaten wollen ihren eigenen Markt schützen und abschotten. Das mindert die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, was sich negativ auf die Ökonomien auswirkt - und damit auch die Rolle Europas im globalen Wettbewerb schwächt.

Sollte die EU jedoch nicht mehr als eine reine Wirtschaftsgemeinschaft sein?