Istanbul. Seit der Entdeckung milliardenschwerer Gasvorkommen vor der Küste Zyperns gibt es Streit um ihre Ausbeutung. Sowohl die Republik Zypern, als auch die Türkei erheben Anspruch auf das Seegebiet. Während die Regierung in Nikosia Verträge mit internationalen Energiekonzernen abgeschlossen hat, hat Ankara Bohrschiffe in die Region entsandt, um ihrem Anspruch Geltung zu verschaffen. Die EU verurteilt dieses Vorgehen als illegal und beschloss am Montag Sanktionen.

DIE AUSGANGSLAGE

Die Situation ist vertrackt, weil die Republik Zypern völkerrechtlich gesehen zwar die ganze Insel umfasst, de facto aber nur den griechischen Südteil kontrolliert. Der türkische Nordteil ist eigenständig, seitdem 1974 die Türkei intervenierte, um nach einem Militärputsch griechischer Nationalisten einen Anschluss der Insel an Griechenland zu verhindern. Die Türkische Republik Nordzypern wird bis heute nur von der Türkei anerkannt.

Seit den Kämpfen 1974 hat die Türkei zehntausende Soldaten im Nordteil stationiert. Ebenso wie Griechenland und Großbritannien ist sie seit der Unabhängigkeit 1960 eine Garantiemacht der Insel. Ein UN-Plan zur Wiedervereinigung der geteilten Insel wurde 2004 von den griechischen Zyprioten abgelehnt. Trotzdem trat die Insel in Gänze im selben Jahr der EU bei. Verhandlungen über eine Wiedervereinigung liegen seit 2017 auf Eis.

DIE SICHT ZYPERNS

Aus Sicht der Republik Zypern gehört das Seegebiet im Umkreis von 200 Seemeilen um die gesamte Insel zu ihrer ausschließlichen Wirtschaftszone. Mit den Anrainerstaaten Ägypten, Libanon und Israel hat die Regierung in Nikosia in den Jahren 2003, 2007 und 2010 gemäß dem UN-Seerechtsabkommen Vereinbarungen über die Absteckung ihrer jeweiligen Wirtschaftszonen in dem Meeresgebiet geschlossen.

Im Jänner 2019 gründete Zypern mit Staaten wie Griechenland, Israel und Ägypten außerdem das "Gas-Forum östliches Mittelmeer", um die Kooperation im Energiebereich zu vertiefen. Nur die Türkei ist nicht beteiligt. Mit der Ausbeutung der Gasvorkommen hat Nikosia in den vergangenen Jahren die internationalen Energiekonzerne Eni, ExxonMobile und Total beauftragt, die daraufhin mit Probebohrungen in der Region begonnen haben.

DIE SICHT DER TÜRKEI

Die Türkei beharrt als einziger Staat darauf, dass zur Aufteilung des Seegebiets im östlichen Mittelmeer die Küstenlinie der Festlandsmasse herangezogen wird. Auf dieser Grundlage beansprucht die Türkei einen Teil der Gasvorkommen vor Zypern, da sie ihrer Ansicht nach auf ihrem Kontinenalschelf liegen. Ankara hat das Bohrschiff "Fatih" in die Region geschickt, um im Auftrag von Turkish Petroleum Probebohrungen vorzunehmen.

Ankara fordert außerdem eine faire Beteiligung der türkischen Zyprioten an den Einnahmen aus den Gasvorkommen und unterstützt einen entsprechenden Vorschlag, den die Türkische Republik Nordzypern am Samstag vorgelegt hat. Da die türkischen Zyprioten Turkish Petroleum mit der Erforschung der Gasvorkommen in dem Lizenzgebiet vor ihrer Küste beauftragt haben, ist dort seit einigen Wochen das türkische Bohrschiff "Yavuz" aktiv.

DIE HALTUNG DER EU

Die Europäische Union steht in dem Streit hinter ihrem Mitgliedstaat Zypern und betrachtet die türkischen Bohrungen als Verletzung der zypriotischen Wirtschaftszone. Mehrere Tage lang rangen die Mitgliedstaaten um eine gemeinsame Haltung - am Montag beschlossen die EU-Außenminister Sanktionen gegen die Türkei.