London. Das britische Parlament will nicht zulassen, dass ein künftiger Premierminister es im Herbst wochenlang suspendiert, um am 31. Oktober einen vertragslosen Austritt aus der EU durchzuboxen. Mit unerwartet deutlicher Mehrheit (315 zu 274 Stimmen) hat das Londoner Unterhaus am Donnerstag eine solche Möglichkeit blockiert.

Die Abgeordneten ergriffen die Initiative, nachdem der Favorit für das Amt des Premiers Boris Johnson sich wiederholt weigerte, eine mehrwöchige Vertagung des Parlaments im Oktober auszuschließen. Da es im Unterhaus eine Mehrheit gegen einen "No-Deal"-Brexit gibt, wollten die Abgeordneten die Gewissheit haben, dass sie vor Ablauf der Brexit-Frist von der Regierung befragt werden müssen - und dass sie einen Regierungschef Johnson gegebenenfalls stoppen können, wenn er sie ignorieren will.

Bei der Abstimmung ging es nur um einen kleinen Zusatzantrag, im Grunde um ein technisches Detail, allerdings von großer Bedeutung. Das Parlament hat sich damit das Recht vorbehalten, im Herbst jederzeit für mindestens fünf Tage zusammen zu treten, wenn es das möchte. Für den Antrag stimmten außer der Opposition auch 17 konservative Abgeordnete, denen der forsche Kurs Johnsons nicht geheuer ist.

Auch Minister enthielten sich

Einige Tories, darunter vier Kabinettsminister, enthielten sich der Stimme - obwohl Fraktionszwang bestand, was normalerweise die Entlassung von Ministern bedeutet hätte. Zu den "Rebellen", die sich enthielten, zählten Schatzkanzler Philip Hammond, Wirtschaftsminister Greg Clark, Justizminister David Gauke und Entwicklungshilfeminister Rory Stewart. Außenminister Jeremy Hunt, Johnsons Gegenkandidat bei der aktuellen Wahl zum Parteichef, blieb der Abstimmung "versehentlich" fern.

Für Johnson ist der überraschend klare Ausgang des Votums ein deutlicher Schuss für den Bug - und das, noch bevor Johnson die Nachfolge Theresa Mays überhaupt angetreten hat. Die Tory-Rebellen signalisierten damit, dass sie einen No-Deal-Brexit nicht zulassen wollen. Johnson und Hunt haben bislang gleichermaßen darauf beharrt, dass es zur drastischen Abkoppelung von Europa kommen müsse, falls die EU nicht doch noch einlenke - und den bereits abgeschlossenen Austrittsvertrag noch einmal verhandelt.

Neuer Premier am Dienstag

Erst am Donnerstag warnte die von der Regierung unabhängige "Behörde für Haushaltsfragen" davor, dass ein No-Deal-Brexit ernste Folgen für die Insel haben würde. Großbritannien, prophezeite das Amt, würde bei einem solchen Schritt unweigerlich in eine Rezession stolpern. Die britische Wirtschaftskraft werde um mindestens zwei Prozent sinken, die Arbeitslosigkeit um fünf Prozent steigen. Das Land werde sich pro Jahr um 30 Milliarden Pfund mehr verschulden müssen.

Zur Unterhaus-Entscheidung vom Donnerstag gegen eine politisch motivierte Sperre des Parlaments meinte der frühere Labour-Minister Lord Adonis, es werde nun "auf keinen Fall mehr" zu einem "No-Deal-Brexit" kommen: "Ignorieren wir endlich die großen Sprüche von Boris. Wir haben Kurs auf ein zweites Referendum genommen." Die konservative Ex-Bildungsministerin Justine Greening warnte, das Parlament zu einem Zeitpunkt so großer Ungewissheit suspendieren zu wollen, wäre "wirklich gefährlich". Und Justizminister David Gauke bezeichnete das Vorhaben als "wahrhaft empörend". Der frühere Tory-Premier Sir John Major hatte bereits gewarnt, er würde gerichtlich gegen eine Schließung des Parlaments durch Johnson vorgehen.

Das Ergebnis der Wahl des neuen Tory-Parteichefs soll am kommenden Dienstag bekannt gegeben werden. Am Mittwoch wird Mays Nachfolger - höchstwahrscheinlich Johnson - dann zum neuen britischen Premierminister ernannt.