Sie läge damit weit vor der "Oppositionsplattform für das Leben", die bei 13,3 Prozent landen würde. Sie wird vom umstrittenen Putin-Intimus Wiktor Medwedtschuk geleitet, gegen den in der Ukraine immer noch ein Verfahren wegen Verrats und Begünstigung von Separatismus läuft.

Selenskyjs Taktik geht auf

Erst deutlich hinter dieser prorussischen Gruppierung liegen die Reste der alten Etablierten: Die Gruppierungen "Vaterland" von Ex-Premierministerin Julia Timoschenko (8,5 Prozent) und "Europäische Solidarität" von Selenskyjs Vorgänger Petro Poroschenko (7,5 Prozent) kämen, wenn die Umfrage das Wahlverhalten der Ukrainer korrekt abbildet, nur noch auf unter zehn Prozent. Dort befindet sich auch die neue Gruppierung "Stimme" des Lemberger Rocksängers Swjatoslaw Wakartschuk (6,8 Prozent), die vor allem in Poroschenkos westukrainischer, betont patriotischer Wählerschaft wildern könnte. Der Volksfront, bisher zweitstärkste Kraft, und zahlreichen anderen Gruppierungen werden keine Chancen auf einen Einzug in die Rada zugebilligt.

Selenskyjs Überrumpelungstaktik scheint also aufzugehen: Gleich nach seiner Inauguration löste er die Rada auf und setzte dann Parlaments-Neuwahlen noch im Juli durch. Selenskyj wollte nach seinem Triumph im April das politische Momentum für sich nutzen, ehe die Mühen der Ebene die Liebe der Ukrainer zu ihm abkühlen lassen.

Für den Schauspieler war die Auflösung des Parlaments wichtig: Denn anders als in anderen postsowjetischen Staaten ist die Macht eines ukrainischen Präsidenten ziemlich begrenzt. So kann der Staatschef der Rada zwar den Premier-, Verteidigungs- und Außenminister vorschlagen. Dann muss aber die Bestätigung durch das Parlament erfolgen. Ein oppositionelles Parlament kann den Präsidenten also ziemlich wirksam blockieren. Das wiederum wäre nicht nur für Selenskyjs Politik, sondern auch für sein Image in der Öffentlichkeit fatal: Denn für Wohl und Wehe im Land ist in der öffentlichen Meinung immer noch der Präsident letztverantwortlich - obwohl er etwa für die Wirtschaftspolitik gar nicht zuständig ist, werden ihm auch steigende Gaspreise angekreidet. Ein Präsident, der sich "nicht zuständig" erklärt, ist schlicht ein schwacher Präsident.

Ein solcher dürfte Selenskyj nach der Wahl am Sonntag nicht werden - auch wenn sich eine absolute Mehrheit für "Diener des Volkes", die eine Zeit lang möglich schien, letztlich doch nicht ausgehen dürfte. Dies auch deshalb, weil seine Partei zwar bei den Zweitstimmen stark abschneiden wird, aber nur über wenig zugkräftige und bekannte Kandidaten für die Erststimmen verfügt. Ein großer Teil der Rada wird nämlich über Direktmandate besetzt - und da kommen meist lokale Unternehmer zum Zug, die sich vor Ort verdient gemacht, also etwa eine Schule gebaut haben. Der Lohn für den Einsatz für die Allgemeinheit ist nicht nur die Bekanntheit als Abgeordneter, sondern auch die parlamentarische Immunität, die vor Strafverfolgung schützt.