Die Wahrscheinlichkeit, dass Selenskyj einen Koalitionspartner braucht, ist also groß - aber wen? Eine Allianz mit seinem Gegner Poroschenko ist kaum denkbar. Eine mit der Oppositionsplattform wäre mehr als nur ein Wagnis: Zwar wünschen sich in Umfragen die meisten Ukrainer - das sind in dem Fall knapp 13 Prozent - den prorussischen Politiker Juri Bojko als Premierminister. Dies wohl auch, weil die Sehnsucht nach Frieden mit Russland mittlerweile übergroß ist, vor allem in den Gegenden nahe der Front. Eine Allianz mit Bojko würde aber im Westen des Landes und bei den ukrainischen Nationalisten wohl als eine Art Kriegserklärung angesehen werden. Auch die Unterstützer Kiews in Brüssel und Washington wären alles andere als angetan.

Timoschenko bietet sich an

Bleiben also wohl nur Timoschenko oder - wenn er den Einzug in die Rada schafft, wonach es aussieht - Wakartschuk. Erstere hat sich Selenskyj schon lange als Alliierte angeboten, wäre aber wohl alles andere als ein Signal für Erneuerung und Aufbruch. Letzterer schon: Auf der Liste von "Stimme" finden sich viele junge Reformer - ganz wie (zum Teil) auch bei "Diener des Volkes".

Im Optimalfall könnte also eine Koalition aus jungen Reformern die Ukraine regieren. Freilich nur im Optimalfall. Denn bei Selenskyjs Gruppierung sind - neben alten Geschäftsfreunden des Präsidenten aus dem Showbusiness - auch Leute aus dem Umfeld des Oligarchen Ihor Kolomojski dabei, zu dem Selenskyj gute Kontakte pflegt. Etwa Andrij Bogdan, der auch schon in der Präsidialadministration des gestürzten Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch gearbeitet hat. Im Mai ernannte ihn Selenskyj zum Leiter seiner Administration, obwohl Bogdan eigentlich unter das - international nicht unumstrittene - ukrainische Lustrationsgesetz fällt, das ehemaligen Mitarbeitern Janukowitschs für zehn Jahre den Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt. Selenskyj umging das Gesetz, indem er die Präsidialverwaltung schloss und stattdessen ein Präsidialamt schuf.

Der Staatschef will dieses Gesetz übrigens ausweiten: Auch Poroschenko und sein Team sollen, so ein Gesetzesvorschlag Selenskyjs, unter das Lustrationsgesetz fallen. Kritiker sehen darin einen Versuch, den politischen Gegner auszuschalten, ja einen möglichen ersten Schritt in Richtung eines autoritären Staats. Selenskyjs Leute verweisen darauf, dass auch ihre eigenen Mitarbeiter unter das Gesetz fallen würden.