London/Wien. Im Februar 2016, wenige Monate vor dem folgenschweren Brexit-Referendum, ist sich Boris Johnson nicht sicher: Soll er sich der Leave-Kampagne anschließen? Oder doch lieber für einen Verbleib in der EU eintreten? Zu Hause, nur für sich, schreibt Johnson drei Meinungsartikel: Zwei für den EU-Austritt seines Landes und einen dagegen. "Ich habe dreißig Jahre lang über dieses Thema geschrieben, jetzt habe ich die Chance, tatsächlich etwas zu bewegen", ruft der Tory-Abgeordnete am nächsten Tag den Reportern zu, die vor seinem Haus warten. "Ich werde mich Vote Leave anschließen - oder wie auch immer das Team heißt."

Es ist die Geburtsstunde des Brexit-Hardliners Boris Johnson: Bald wird er behaupten, dass jene 350 Millionen Pfund, die London wöchentlich an Brüssel überweisen würde, nach dem Brexit ins staatliche Gesundheitssystem investiert werden. Er wird diese Lüge auf einen Bus drucken lassen und damit durchs Land reisen. Er wird die Sprüche des Ukip-Gründers Nigel Farage übernehmen und jeden attackieren, der für den Verbleib in der EU eintritt.

Jede Peinlichkeit
wird zur Schlagzeile

Gebremst wird Johnson erst nach dem Referendum. Das "Dream Team", das er mit Michael Gove gegründet hat, um eine neue Regierung der Brexiteers zu gründen, zerbricht, weil beide Premier werden wollen. Schließlich wird Theresa May das Land die kommenden drei Jahre führen - und als jene Premierministerin in die Geschichtsbücher eingehen, die am Brexit gescheitert ist.

Unter May wird Johnson Außenminister. Die Medien berichten über jede Peinlichkeit des Chefdiplomaten, jedes Fettnäpfchen wird zur Schlagzeile. Der Vergleich mit US-Präsident Donald Trump liegt nahe. Neben den äußerlichen Ähnlichkeiten, der blonden Chaosfrisur, dem polternden Auftreten sind es vor allem rassistische Ausfälle und die unüberlegten Sprüche, die beide gemeinsam haben. Doch wo Trump aggressiv auf Frauen und Randgruppen losgeht, wo er nicht-weiße Abgeordnete "nach Hause" schicken will, agiert Johnson subtiler. In Myanmar zitiert er 2017 aus einem Gedicht des britischen Kolonialismus-Verfechters Rudyard Kipling. Lediglich die Intervention des Botschafters verhindert einen diplomatischen Eklat. Die Geschichte ist kein Beleg für Johnsons Dummheit, denn mangelnde Intelligenz kann man ihm kaum attestieren. Der Konservative ist schlicht unsensibel. Gäbe es eine Person, die britische Imperialismus- und Überlegenheitsfantasien in sich vereint, dann wäre sie wie Johnson.

Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 2012 hing er unfreiwillig in der Seilbahn fest. - © Getty Images
Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 2012 hing er unfreiwillig in der Seilbahn fest. - © Getty Images