Als Journalist lässt er seiner Fantasie freien Lauf

"Von jenen, die Johnson für einen netten Kerl halten, kennen ihn die Wenigsten", schreibt Max Hastings, Chefredakteur des "Daily Telegraph", über seinen ehemaligen Angestellten. Und doch schafft es der 54-Jährige immer wieder, sympathisch zu wirken - auch auf seine Gegner. Johnsons exaltiertes Äußeres, sein unbeholfenes Gestammel, wenn er keine Antwort findet, die zahlreichen Fettnäpfchen - all das lässt ihn menschlich wirken in einer Zeit, in der Regierungschefs - stets um Perfektion bemüht - häufig hölzern daherkommen oder aalglatt. Johnson, der Kosmopolit mit türkischen Vorfahren, geboren in New York, aufgewachsen in London und Brüssel, ist längst zu einer Marke geworden. Mit seiner Leidenschaft fürs Radfahren und der exzentrischen Art sticht er hervor, mit seinen zahlreichen Ausrutschern und außerehelichen Affären schaffte er es immer wieder in die Boulevardpresse.

Immer wieder sportlich: Beim Tennis . . . - © afp
Immer wieder sportlich: Beim Tennis . . . - © afp

Johnson, so viel lässt sich sagen, ist das Gegenteil der scheidenden Premierministerin. Wo sie schwach war, ist er selbstbewusst. Wo May gezögert hat und, zumindest am Ende, doch noch Kompromisse finden wollte, droht Johnson. Brüssel, so behauptet er, werde London schon noch Zugeständnisse machen, um das Horrorszenario eines EU-Austritts ohne Abkommen abzuwenden.

Dabei kennt der Tory-Politiker die Brüsseler Maschine gut genug, um zu wissen, dass sie sich dem politischen Chaos in London nicht so einfach beugen kann. Sein Vater Stanley war unter den ersten britischen Beamten, die 1973, nach dem Beitritt des Vereinigten Königreichs, für die EU-Kommission arbeiteten. Seine Familie nahm er mit nach Brüssel. Boris war da neun Jahre alt. Zwar sprach er schnell fließend Französisch, doch fühlte er sich nicht wohl in Belgien. Familiäre Dramen, die Trennung seiner Eltern, der Nervenzusammenbruch seiner Mutter - all das fällt in die Zeit in Brüssel.

Später, als Brüssel-Korrespondent des "Daily Telegraph", lässt Johnson seiner Fantasie freien Lauf. In seinen Artikeln stellt er die EU als möglichst verrückt und lächerlich dar, das meiste ist frei erfunden. Unvergessen seine Behauptung, die EU wolle eine Standardgröße für Kondome einführen und eine eigene "Bananenpolizei" zur Sicherstellung der richtigen Fruchtform. In Großbritannien sind Johnsons "Berichte" eine Sensation. Endlich sagt jemand, was sich viele Briten schon lange denken. Endlich traut sich jemand zu schreiben, dass die Bürokraten in Brüssel völlig verrückt geworden sind. Dass Johnsons Geschichten falsch sind, scheint niemanden zu stören. Schnell wird er zum Liebling des europaskeptischen Tory-Flügels. Und auch in Brüssel kennt man ihn. Stets unterwegs in einem alten Sportwagen, habe er löchrige Kleidung getragen und absichtlich schlechtes Französisch gesprochen, berichten Weggefährten.