Johnson ist ein

. . . und am Rad in London. - © afp
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Meister der Debatte

Im Jahr 2001 wird Johnson, damals 36 Jahre alt, Abgeordneter im britischen Unterhaus. Seinen Job als Chefredakteur des konservativen Magazins "Spectator" gibt er nur unter Druck auf. Von da kommt auch sein legendärer Satz "I want to have my cake and eat it" (Ich will den Kuchen gleichzeitig behalten und essen").

Boris Johnson, so viel ist klar, ist kein großer Ideologe. Er hat zahlreiche Kehrtwenden hinter sich, er hat sein Wort gebrochen, betrogen und getäuscht. Niemand weiß so recht, was Johnson wirklich denkt. Woran glaubt der Mann, was sind seine Überzeugungen? Man weiß es nicht. Ob im Debattierklub der Eliteuniversität Oxford, als Journalist in Brüssel oder in seiner Zeit als Bürgermeister Londons und Außenminister Großbritanniens: Um Inhalte ging es kaum. Johnson war schon immer ein Meister der Debatte, er nutzt seinen Witz und Charme geschickt für Sticheleien. Gegner, denen es um Fakten geht, haben da kaum eine Chance. "Ich bewundere seine Fähigkeit, eine Frage zu beantworten", sagte Johnsons Kontrahent um den Posten des Premiers Jeremy Hunt kürzlich bei einer Fernsehdebatte. "Er zaubert ein Lächeln auf dein Gesicht und du vergisst, was überhaupt die Frage war."

Er könnte auch diesmal sein Versprechen brechen

Seine Lügen haben Johnson weit gebracht. Bereits am Dienstag könnte er neuer Premier des Vereinigten Königreichs sein. Als solcher will er erreichen, woran Theresa May gescheitert ist - und ein besseres Austrittsabkommen mit Brüssel aushandeln. Johnsons Vorhaben, die EU mit dem No-Deal-Brexit zu erpressen, gleicht der Drohung, sich selbst ins Knie zu schießen: Großbritannien würde ein Austritt ohne Abkommen zweifellos am härtesten treffen. Viele glauben daher, dass der Brexit-Hardliner, einmal Premier, etwas ganz anderes vorhat - und womöglich eine enge Anbindung an die EU oder sogar ein zweites Referendum anstrebt. Mit einem Premier Johnson ist fast nichts ausgeschlossen. Er könnte sein Versprechen auch jetzt wieder brechen - und den Brexit noch einmal verschieben.

Einen willkommenen Sündenbock findet er dabei womöglich im britischen Parlament. Die Abgeordneten, die einen EU-Austritt ohne Abkommen verhindern wollen, haben eben für einen Gesetzeszusatz gestimmt, der es Johnson unmöglich macht, das Unterhaus in die Zwangspause zu schicken. Damit kann sich Johnson nicht mehr über das Parlament hinwegsetzen, um einen No-Deal-Brexit durchzuboxen. Vielleicht kommt ihm das gerade recht.