Bukarest. "Wir sind eine im Verschwinden begriffene Nation." So beklagt Marian Hanganu, Chef der rumänischen Headhunting-Firma Colorful, auf seiner Homepage die Massenauswanderung aus einem der ärmsten EU-Länder. "Das Resultat ist, dass viele multinationale Unternehmen entschieden haben, nicht mehr in Rumänien zu investieren, weil es einfach kein Personal gibt."

Ähnlich sieht es im Nachbarland Bulgarien aus: "Die Wirtschaft beginnt, Verträge und neue Aufträge abzusagen, da es an Arbeitskräften fehlt", so Wirtschaftsminister Emil Karanikolow in einem bulgarischen TV-Sender.

Viele Menschen aus Südosteuropa zieht es in Länder wie Deutschland, Italien und Spanien. Die Löhne in ihrer Heimat steigen, aber nur gering. Ganz Südosteuropa ist betroffen. Unternehmer, Experten und Politiker von Budapest bis Athen sorgen sich. Gerade die für den Arbeitsmarkt attraktiven jungen, gut ausgebildeten Menschen wandern ab. Fachkräfte fehlen an allen Ecken und Enden.

Neuanstrich für vier Schüler

Mancherorts führt der Exodus zu verzweifelten Versuchen der Behörden, den Bürgern Normalität vorzugaukeln, wie etwa im ostkroatischen Dorf Rusevo: Dort wurde jüngst das Schulgebäude neu gestrichen, obwohl es in dem Ort nur vier Schüler gibt. Was aber nicht wegzutünchen ist: In dem auf 310 Einwohner geschrumpften Ort in der Nähe von Slavonski Brod steht die Hälfte der Häuser an der Hauptstraße leer, viele davon verfallen.

Mehr als zwei Millionen Rumänen leben nach Schätzung der Regierung in Bukarest im Ausland, die meisten in Spanien und Italien. Der Exodus in der Nachbarschaft war ähnlich: Mehr als 700.000 Bulgaren haben nach offiziellen Angaben im EU-Ausland ein neues Zuhause. Aus Kroatien wanderten laut einer Studie der Nationalbank (NHB) in Zagreb allein von 2013 bis 2016 230.000 Bürger ins EU-Ausland aus. Es entspricht einer Auswanderungsrate von 2 Prozent der Bevölkerung pro Jahr. Serbien haben seit dem Jahr 2000 nach Regierungsangaben 654.000 Menschen verlassen. Sie gesellen sich zu der halben Million Serben, die bereits vorher wegen der von Slobodan Milosevic angezettelten Kriege emigriert sind.

Griechenland kehrten seit Ausbruch der schweren Finanzkrise 2010 nach Schätzungen der Gewerkschaften mindestens 400.000 überwiegend junge Menschen den Rücken. Der neue konservative griechische Regierungschef Kyriakos Mitsotakis hat wiederholt erklärt, sein Ziel sei es, das Leben aller Griechen zu verbessern und auch den Auswanderern wieder "Perspektiven zu bieten, damit sie zurückkehren".