Sogar in Ungarn, das bisher als eines der am besten entwickelten Länder der Region galt, setzte nach der globalen Krise 2008 eine Emigrationswelle ein, die sich nach 2010 sprunghaft verstärkte, wie die Budapester Soziologin Agnes Hars in einer Studie feststellte. Allein von 2010 bis 2017 hätten mehr als 200.000 Ungarn zwischen 20 und 65 Jahren das Land verlassen - die Dynamik sei die höchste in allen neuen EU-Beitrittsländern gewesen. Seit 2010 ist der nationalistische Politiker Victor Orbán Ministerpräsident von Ungarn.

Im Ausland gibt es mehr Geld

Für Cristina M. war die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, leicht. Sie hatte in der Schule in Deva in der rumänischen Provinz Transsylvanien Deutsch als zweite Fremdsprache gelernt. Während des anschließenden Medizin-Studiums in Temeswar finanzierten ihre Eltern drei Praktika in Kliniken in Italien, Spanien und in Heidelberg. "Ich wollte international Erfahrungen sammeln", sagt die 32-jährige Fachärztin für Innere Medizin am Klinikum Nürnberg. Seit sechs Jahren ist sie in Franken. Die in Rumänien auch im Gesundheitswesen verbreitete Korruption war neben dem besseren Verdienst ein Grund für ihre Auswanderung. "Das hat mich schon gestört, auch wenn es früher schlimmer war", sagt sie.

Im Vergleich zu Rumänien habe Deutschland nicht nur die besser ausgestatteten Kliniken, sondern auch einen anderen ihr sympathischen Zug. "In Deutschland spricht man deutlich mehr mit den Patienten", sagt M.

Eine Stichprobe unter 217 deutschen Krankenhäusern ergab die klare Tendenz, dass unter den nichtdeutschen Pflegekräften die meisten aus Bosnien-Herzegowina stammten. Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft werden die meisten ausländischen Arbeitskräfte über eigene Akquise oder private Vermittler gewonnen.

Mangel an Ärzten und Pflegepersonal

Allgegenwärtig ist in Südosteuropa der Mangel an Ärzten und Pflegepersonal: In der ungarischen Kleinstadt Szolnok musste die Station für Infektionskrankheiten deswegen vorübergehend geschlossen werden. Das Kreiskrankenhaus der rumänischen Donaudelta-Stadt Tulcea hat seit neuestem keine Anästhesisten mehr, weil von den drei ursprünglich vorhandenen zwei gekündigt haben und einer selbst krank geworden ist.

Rumänische Unternehmer versuchen wegen des Engpasses sogar, Personal aus dem Fernen Osten anzulocken. Die Regierung hat für dieses Jahr ein Kontingent von 20 000 Arbeitskräften aus Nicht-EU-Ländern festgelegt. Jüngst war dies auch Thema bilateraler Verhandlungen mit Pakistan. Das Kontingent ist aber aus Sicht des Headhunters Hanganu nur ein "Tropfen auf den heißen Stein". Mindestens 300 000 Arbeitskräfte fehlten in Rumänien.

Die Zusammenarbeit mit Gastarbeitern aus Fernost scheitere oft, weil etliche von ihnen das Klima und die Kost in Rumänien nicht vertrügen, sagt Andreea Tartacan, Mitarbeiterin von Hanganu, der dpa. "Jetzt versuchen wir, zumindest für den Bausektor Arbeiter aus Tadschikistan anzuwerben. Sie sind wahrscheinlich körperlich robuster als die Vietnamesen, weil die Tadschiken aus der Steppe kommen", meint die Expertin. Die Arbeiter aus Fernost stellten für die Arbeitgeber wegen der Anpassungsschwierigkeiten ein hohes Risiko dar. "Es ist wie beim Roulette." Einen Vorteil hätten diese Gastarbeiter aber auf jeden Fall: "Sie sind fleißig und seriös".