London. Boris Johnson wird Vorsitzender der britischen Konservativen und damit auch neuer Premierminister. Mit dem Brexit-Hardliner an der Spitze der Regierung steuert Großbritannien künftig auf den Ausstieg aus der EU zu. Der einstige Londoner Bürgermeister setzte sich in einer Stichwahl um die Parteiführung der Konservativen mit mehr als 45.000 Stimmen Vorsprung gegen Außenminister Jeremy Hunt durch, wie die Tories am Dienstag in London mitteilten. Am Mittwoch soll Johnson zum neuen Premierminister ernannt werden. Der 55-jährige Ex-Außenminister folgt Theresa May, die den mit der EU ausgehandelten Austrittsvertrag nicht durchs Parlament bringen konnte.

Nun soll Johnson die historische Brexit-Aufgabe schultern. Die schillernde Galionsfigur der Austrittsbefürworter will das Land bis Ende Oktober von Europa lösen - mit oder ohne Austrittsvertrag: "Wir werden den Brexit am 31. Oktober hinbekommen", betonte Johnson nach seiner Wahl. US-Präsident Donald Trump, der Mays Brexit-Kurs wiederholt kritisiert hatte, gratulierte Johnson umgehend. "Er wird großartig sein", twitterte Trump.

Ex-Außenminister Johnson schwebt ein Freihandelsabkommen mit der EU vor, obwohl beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Ausstiegsvereinbarung beharrt. Allerdings brachte sie ebenso wie die angehende EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine erneute Verlängerung der Brexit-Frist ins Spiel. Damit könnte die EU Zeit gewinnen, noch eine Einigung mit Großbritannien zu finden, um einen ungeregelten Ausstieg zu vermeiden. EU-Vizekommissionschef Frans Timmermans betonte kurz vor Bekanntgabe des Wahlsieges von Johnson, ein harter Brexit wäre gleichermaßen eine "Tragödie" für die EU und das Königreich.

Ursprünglich war die Trennung Großbritanniens von der EU für Ende März geplant. Wegen Streitigkeiten vor allem um die Regelungen zur Nordirland-Grenze wurde die Frist verschoben. Sollten sich Brüssel und London nicht einig werden, droht ein ungeregelter EU-Ausstieg. Dieser dürfte die Wirtschaft nach Ansicht der Notenbank letztlich in die Rezession stürzen.

Rede folgt auf Rede

Wenn May am Mittwoch ihr Amt abgibt, wird sie sich mittags ein letztes Mal den Fragen der Abgeordneten im Unterhaus stellen. Anschließend hält sie vor dem Regierungssitz Downing Street eine Abschiedsrede und reicht dann bei der 93-jährigen Queen im Buckingham-Palast ihren Rücktritt ein. Die Königin wird direkt danach Johnson zum neuen Premier ernennen und ihn mit der Regierungsbildung beauftragen. Auch von ihm wird dann eine Rede vor seinem Amtssitz erwartet.

Der Brexit-Hardliner wird wahrscheinlich viele Regierungsposten neu besetzen. Zeitungen spekulierten etwa über ein Comeback der früheren Brexit-Minister Dominic Raab und David Davis. Am vergangenen Wochenende hatten bereits Finanzminister Philip Hammond und Justizminister David Gauke die Aufgabe ihrer Ämter im Falle eines Wahlsiegs Johnsons angekündigt. Es wird mit Rücktritten weiterer EU-freundlicher Minister gerechnet. (reu/dpa/afp)