Briten gespalten

Tatsache ist, dass das Land gespaltener denn je ist und die Tories in einer beispiellosen Krise feststecken. Und auch wenn Johnson ob seiner klamaukhaften Art die Lacher stets auf seiner Seite hat: Dass er es ist, der Land und Partei eint, wird überall bezweifelt. Eine Reihe an Tory-Ministern ist bereits zurückgetreten oder wird zurücktreten. So etwa Schatzkanzler Philip Hammond, die Nummer eins in der Ministerriege, der am heutigen Mittwoch gehen will. Er werde lieber von sich aus zurücktreten, als rausgeschmissen zu werden. Und er stimme beim Brexit nicht mit Johnson überein, so Hammond. Auch Justizminister David Gauke und Entwicklungshilfeminister Rory Stewart werden gehen.

Sargnagel Westminster

Tory-Abgeordnete haben bereits angekündigt, Johnsons Vision vom No-Deal-Brexit nicht akzeptieren zu wollen und in diesem Fall seiner Regierung das Misstrauen aussprechen zu wollen. Die unbotmäßigen Mandatare von Westminster waren der Sargnagel für Johnsons Vorgängerin Theresa May. Das britische Unterhaus könnte auch Johnson zu Verhängnis werden. Er muss die Abgeordneten hinter seiner Linie vereinen und etwa auch die Gunst der nordirischen DUP zurückgewinnen, auf deren Unterstützung er angewiesen ist und die May zuletzt die Gefolgschaft verweigert hatte. Auch der beliebte Londoner Bürgermeister Sadiq Khan steht Gewehr bei Fuß, wenn es gegen Johnson geht. Er werde "nie damit aufhören", seine Meinung "gegen die katastrophale Bedrohung des Brexits zu sagen", so der Labour-Mann.

Optimisten innerhalb der britischen Konservativen hoffen, dass sich mit Johnson eine neue Dynamik breitmachen wird; dass er tatsächlich für neuen Schwung sorgt und damit das Brexit-Drama irgendwie zu einem glimpflichen Ende bringt.

Johnson hält am Mittwoch seine erste Rede als Regierungschef, schon am Donnerstag könnte das britische Parlament ein Misstrauenvotum gegen ihn starten und die Ambitionen des Tory-Politikers im Ansatz ersticken. Allerdings verabschieden sich die Abgeordneten dann in die Sommerpause, das Zeitfenster ist also sehr klein.

Corbyn will Neuwahlen

Oppositionschef Jeremy Corbyn hat Johnson jedenfalls bereits mit Neuwahlen gedroht, der neue Premier sei von weniger als 100.000 Tories gewählt worden und habe das Land nicht hinter sich. Ein EU-Austritt ohne Abkommen, der von Johnson nicht ausgeschlossen wird, bringe Jobverluste und steigende Preise.

Klar ist, dass die Spielernatur Johnson - Kritiker werfen ihm beispiellose Rückgratlosigkeit vor - als Premier Farbe bekennen muss. Bei Johnson scheint alles möglich - ein Austritt aus der Europäischen Union ohne Deal oder ein solides Abkommen. Die erste Version ist schwer umsetzbar, weil sich Westminster querlegen wird. Ein "No Deal" hätte vor allem für Großbritannien katastrophale ökonomische Auswirkungen. Johnson weiß das. Doch er ist ein Gambler und wird bald mit einem Satz Pokerkarten in Brüssel auftauchen.